
Demokratie ist nichts, was Kinder einfach können. Sie müssen sie erleben und lernen – früh, konkret und im Alltag. proRespekt-Coaches Sabine und Dionysia von der Berliner Theodor-Storm-Schule zeigen, wie das gelingen kann. Ein Gespräch über Selbstwirksamkeit, überraschend reflektierte Kinder und die Frage, was eine Nintendo-Konsole mit Demokratiebildung zu tun hat.
Warum ist Demokratiebildung schon in der Grundschule so wichtig?
Sabine: Wenn wir wollen, dass unsere Gesellschaft demokratisch bleibt, dann müssen wir Demokratie auch vermitteln – so selbstverständlich wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Demokratie ist nichts, was Kinder automatisch lernen. Sie ist nicht angeboren, sondern wird eingeübt.
Dionysia: Gleichzeitig ist Mitbestimmung ein Kinderrecht – und im Schulgesetz verankert. Kinder haben also nicht nur die Fähigkeit, sondern auch das Recht, beteiligt zu werden. Und man könnte auch sagen: Demokratiebildung ist Gewaltprävention. Wer die eigenen Rechte kennt und die Rechte anderer respektiert, kann Konflikte anders lösen.
Wie knüpft die Grundschule an Erfahrungen aus dem Kindergarten an?
Sabine: Viele Kinder kennen Mitbestimmung schon aus dem Kindergarten. Dort wird gemeinsam entschieden, was gemacht wird oder wie Feste aussehen. Und wir sehen ganz klar: Je früher man anfängt, desto selbstverständlicher wird es für die Kinder. In der Grundschule führen wir das weiter – zum Beispiel im Klassenrat. Die Grundidee bleibt gleich: zusammenkommen, zuhören, verhandeln. Aber es wird verbindlicher und strukturierter.
Wie zeigt sich Demokratie in eurem Schulalltag konkret?
Sabine: Kinder können bei vielen Themen mitentscheiden – von Ausflügen bis hin zu Fragen des Unterrichts. Man sieht es auch in der Pause: Die Kinder haben sich gemeinsam einen Fußballplan ausgedacht. Sie entscheiden, wer wann spielen darf. Und man sieht es auch bei uns im Raum und im Flur. Da haben wir u.a. Poster über Kinderrechte hängen. Auch formal gibt es viele Beteiligungsmöglichkeiten, etwa in der Schulkonferenz. Dort haben Kinder die gleiche Stimme wie Erwachsene. In der Praxis ist das natürlich komplexer. Aber schon kleine Dinge sind wichtig: Rückmeldungen zum Unterricht geben, Wünsche äußern, Anträge stellen. Und: Sie bekommen eine Antwort – auch ein begründetes Nein gehört dazu.
Wenn wir wollen, dass unsere Gesellschaft demokratisch bleibt, dann müssen wir Demokratie auch vermitteln – so selbstverständlich wie Lesen, Schreiben und Rechnen.
Der Klassenrat spielt eine zentrale Rolle. Wie funktioniert er bei euch?
Sabine: Der Klassenrat ist eine feste wöchentliche Stunde, die den Kindern gehört.
Dionysia: Sie organisieren sich selbst, übernehmen Rollen wie Moderation oder Protokoll und bringen ihre Themen ein.
Sabine: Und es gibt Rituale: Mit einer Blume kann man sich entschuldigen, mit einem Herz Danke sagen. Das klingt einfach, hat aber große Wirkung.
Dionysia: Unsere Rolle ist oft, die richtigen Fragen zu stellen. Ein Wunsch wie „keine Hausaufgaben“ wird dann konkret: Was genau stört euch? In welchem Fach? Was wäre eine Lösung?
Welche Themen bringen Kinder ein?
Dionysia: Sehr viele – und oft sehr durchdachte. Eine Nestschaukel – damit bis zu fünf Kinder gleichzeitig schaukeln können, eine genderneutrale Toilette, regelmäßige Klassenfahrten.
Sabine: Klar wünschen sie sich auch mal jeden Tag Eis. Aber sie lernen schnell, was realistisch ist – und wann ihre Ideen Chancen haben.
Dionysia: Manchmal beschäftigen sie sich mit Themen, die man ihnen oft gar nicht zutraut: Krieg, Migration, Identität. In einer zweiten Klasse wurde diskutiert, wer „Ausländer“ ist, ob Deutschland ein sicheres Land ist und wie eine Atombombe funktioniert.
Greift ihr in solche Diskussionen ein?
Sabine: Nur, wenn es nötig ist. Wir schaffen den Rahmen, aber die Kinder führen das Gespräch. Genau das macht den Unterschied.
Dionysia: Ein Schüler konnte den anderen ganz genau erklären, wie eine Atombombe funktioniert. Das hätte ich gar nicht so verständlich erklären können.
Was lernen Kinder in solchen Prozessen?
Sabine: Sie lernen, ihre Meinung zu äußern und Verantwortung zu übernehmen. Ganz konkret auch: abstimmen, Mehrheiten finden, Kompromisse schließen.
Dionysia: Und sie erleben Selbstwirksamkeit. Wenn Kinder merken, dass sie gehört werden, verändert das ihr Auftreten.
Hat Demokratiebildung auch Einfluss auf den Umgang miteinander?
Dionysia: Ja, weil sie auf Gleichberechtigung basiert. Alle Stimmen zählen.
Sabine: Im Klassenrat üben Kinder zum Beispiel, sich zu entschuldigen und Feedback zu geben.
Dionysia: Gleichzeitig lernen sie, Konflikte eigenständig zu lösen – zumindest die kleineren.
Wo liegen die größten Herausforderungen?
Dionysia: Schule ist ein hierarchisches System – und echte Mitbestimmung passt nicht immer reibungslos dazu.
Dionysia: Ein großes Thema ist Adultismus: die Haltung, dass Erwachsene besser wissen, was gut für Kinder ist. Das zeigt sich zum Beispiel sehr konkret bei Projekten wie einem Schüler*innenhaushalt. Dort bekommen Kinder ein Budget und entscheiden selbst, wofür es eingesetzt wird.
Sabine: Und dann kann es passieren, dass Kinder sich wünschen, davon eine Nintendo-Konsole anzuschaffen. Für viele Erwachsene ist das erst einmal irritierend – sie hätten „sinnvollere“ Ideen.
Dionysia: Aber genau darum geht es: um den Prozess. Die Kinder planen, organisieren eine Wahl, recherchieren Preise, treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung.
Sabine: Und sie entwickeln eigene Nutzungskonzepte. In einem Fall haben Kinder vorgeschlagen, dass diejenigen, die im Unterricht besonders geduldig sind, einmal im Monat gemeinsam Nintendo spielen dürfen. Darin steckt auch eine Rückmeldung an die Erwachsenen, die für sie unbequem sein kann.
Lernt ihr auch selbst etwas von den Kindern?
Dionysia: Ständig. Zum Beispiel, wie wichtig Fairness im Detail ist. Dinge, die wir als „Kleinigkeit“ sehen, sind für Kinder oft sehr bedeutend.
Sabine: Und wir lernen, uns zurückzunehmen. Nicht alles selbst zu machen, nur weil es schneller geht.
Was würdet ihr anderen Schulen empfehlen?
Dionysia: Bei der eigenen Haltung anfangen. Demokratiebildung ist mehr als eine Methode.
Sabine: Und echte Räume schaffen, in denen Kinder wirklich mitgestalten können.
proRespekt – gewaltfreie Schulen demokratisch gestalten unterstützt Schulen dabei, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle sicher und respektiert fühlen. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen gute Chancen zum Lernen und zur persönlichen Entwicklung zu bieten. Dabei hilft das Programm den Schulen, eigene Ideen und Projekte rund um Themen wie Gewaltprävention, Demokratie und mehr Verbundenheit mit der Schule zu entwickeln und umzusetzen.
Das Programm proRespekt wird gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie und umgesetzt durch die Fachstelle proRespekt in gemeinsamer Trägerschaft von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Gangway – Straßensozialarbeit in Berlin e.V. und Violence Prevention Network gGmbH.











