Warum brauchen wir Jugendbeteiligung?
Aus dem Sammelband „Jugendbeteiligung auf Bundesebene – Perspektiven. Praxis. Impulse.”
22.04.2026
Ein Beitrag von Peggy Eckert, DKJS-Expertin für Kinder- und Jugendbeteiligung und Demokratiebildung

© DKJS/Stefanie Loos
Jugendbeteiligung als demokratische Notwendigkeit
Es sind keineswegs neue Erkenntnisse: Junge Menschen fühlen sich von Politiker:innen nicht gehört und gesehen, nehmen ihren Einfluss auf politische Entscheidungen als sehr eingeschränkt wahr und sind unzufrieden, wie Demokratie in Deutschland funktioniert.¹ Zugleich erleben wir, wie rechtspopulistische Parteien immer mehr an Zustimmung gewinnen, Verschwörungserzählungen und Fake News sich verbreiten. Darüber hinaus lenken auch die immensen globalen Herausforderungen durch Kriege, die Inflation sowie die Klima- oder Finanzkrise und nicht zuletzt eine immer älter werdende Gesellschaft den Fokus weg von den Bedarfen junger Menschen.
Dennoch schätzt diese junge Generation die Demokratie als Wert², will sich einbringen, sich mehr denn je für gesellschaftliche Themen engagieren³ und ihre Zukunft aktiv mitgestalten.
Dieses Potenzial gilt es zu nutzen, denn echte und ernst gemeinte Jugendbeteiligung kann die Distanz zwischen Politik und Gesellschaft überwinden. Wenn Jugendliche erleben, dass ihre Perspektiven gehört werden und ihre Ideen tatsächlich Einfluss auf politische Entscheidungen haben, wächst bei ihnen Vertrauen in demokratische Institutionen.
Demokratiebildung in Beteiligungsprozessen wirkt präventiv gegen demokratiefeindliche Tendenzen und stärkt die Widerstandsfähigkeit der Demokratie. Wer selbst erfahren hat, wie demokratische Aushandlungsprozesse funktionieren, wie man zu Kompromissen kommt und warum politische Entscheidungen manchmal Zeit brauchen, entwickelt ein realistisches Bild von Demokratie. Diese praktische Erfahrung schafft Verständnis für die Handlungszwänge von Politik und Verwaltung und sensibilisiert, dass es für komplexe gesellschaftliche Herausforderungen keine einfachen politischen Lösungen geben kann.
„Selbstwirksamkeitserfahrungen stärken junge Menschen, denn wenn Jugendliche erleben, dass ihre Meinung und Ideen tatsächlich etwas bewirken, wächst ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und motiviert zu weiterem gesellschaftlichem Engagement.”
Beteiligung stärkt die Kompetenzen junger Menschen
Für junge Menschen sind Beteiligungsprozesse weit mehr als eine Möglichkeit, ihre Meinung zu bilden und zu äußern. Durch die aktive Teilnahme entwickeln Jugendliche demokratische Handlungskompetenzen⁶ wie Argumentation, Kompromissfindung und Konfliktfähigkeit. Sie lernen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und auszuhalten. Diese Ambiguitätstoleranz ist in unserer komplexen Welt unverzichtbar und wirkt spaltenden Tendenzen in unserer Gesellschaft entgegen.
Selbstwirksamkeitserfahrungen stärken junge Menschen, denn wenn Jugendliche erleben, dass ihre Meinung und Ideen tatsächlich etwas bewirken, wächst ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und motiviert zu weiterem gesellschaftlichem Engagement. Sie erfahren sich als Gestalter*innen und Expert*innen ihrer Lebenswelt und das prägt oft nachhaltig und legt den Grundstein für lebenslanges demokratisches Engagement.
Damit diese Lernprozesse gelingen, braucht es begleitende Reflexionsräume, in denen Jugendliche ihre Erfahrungen verarbeiten können. Dazu gehören auch Misserfolge und Fehler sowie Frustration und Konflikte. Wo unterschiedliche Interessen und Sichtweisen aufeinandertreffen, entstehen Spannungen – und das ist normal in demokratischen Prozessen. Professionelle und konfliktsensible Begleitung hilft dabei, diese Konflikte konstruktiv zu bearbeiten, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und Kompromissfindung als demokratische Kernkompetenz zu erleben. In Beteiligungsprozessen sollte nicht der erfolgreiche Abschluss im Vordergrund stehen, sondern die Erfahrungen, die alle Beteiligten während des Prozesses machen. In geschützten Lernräumen können Jugendliche auf einer Metaebene reflektieren. Sie lernen, wie Aushandlungsprozesse funktionieren.
Warum Entscheidungen manchmal länger dauern. Und was es bedeutet, wenn nicht alle Wünsche, vielleicht auch der eigene nicht, umgesetzt werden können. Beteiligung ist damit eine Investition in die persönliche Entwicklung junger Menschen hin zu mündigen, engagierten Bürger:innen.
Jugendbeteiligung schafft Akzeptanz und Vertrauen in Verwaltung
Auch für Behörden und Verwaltungen hat die Beteiligung junger Menschen einen ganz klaren Mehrwert. Neben den bereichernden persönlichen Erfahrungen, die Erwachsene in Beteiligungsprozessen mit jungen Menschen machen können, entsteht auch mehr Vertrauen in Politik und staatliche Organisationen. Wenn junge Menschen die Arbeitsweise von Verwaltung und Politik aus eigenem Erleben kennenlernen und mit „echten“ Verwaltungsmitarbeitenden ins Gespräch kommen, entwickeln sie Verständnis für Verwaltungshandeln, auch wenn dieses oft langwierig, bürokratisch und komplex erscheint. Dieses Verständnis ist auch wichtiger Teil von Demokratielernen.
Jugendbeteiligung macht unsere Gesellschaft lebendiger und innovativer
Jugendbeteiligung fördert den Generationendialog und stärkt gegenseitiges Verständnis zwischen jungen Menschen und Entscheidungsträger*innen.
Vorurteile werden abgebaut und demokratische Teilhabe junger Menschen in einer alternden Gesellschaft gestärkt. Als „Seismograf“ gesellschaftlicher Entwicklungen bringen Jugendliche wichtige Zukunftsperspektiven ein.
Themen, die jungen Menschen wichtig sind, wie soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, digitale Bildung und mentale Gesundheit, erhalten mehr Gewicht und gelangen auf die politische Agenda. Dadurch entstehen ausgewogenere und zukunftsorientierte Entscheidungen. Wenn Generationen gemeinsam Lösungen entwickeln, entstehen Solidarität und gemeinsame Verantwortung. So wird eine Gesellschaft, die junge Menschen ernst nimmt, lebendiger und innovativer.
Jugendbeteiligung ist eine Investition in die demokratische Resilienz unserer Gesellschaft
Echte Jugendbeteiligung ist ein Gewinn für alle Beteiligten, wenn es gelingt, alle jungen Menschen, insbesondere diejenigen, die in Risikolagen aufwachsen und damit weniger Teilhabemöglichkeiten haben, zu erreichen. Junge Menschen entwickeln Kompetenzen und Selbstwirksamkeit, Verwaltungen profitieren von neuen Ideen und gestärktem Vertrauen und die Gesellschaft insgesamt wird dialogfähiger und zukunftsorientierter. Eine verantwortungsvolle Politik muss diejenigen einbeziehen, die die Konsequenzen ihrer Entscheidungen am längsten tragen werden.
Jugendbeteiligung ist kein optionales „Nice to have“, sondern ein Recht junger Menschen und eine demokratische Notwendigkeit.
Peggy Eckert ist Kindheitswissenschaftlerin und in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung für die Themen Demokratiebildung und Beteiligung verantwortlich. Sie konnte in zahlreichen Projekten auf kommunaler Ebene, Landes- und Bundesebene Expertise in Beteiligungsprozessen mit Kindern und Jugendlichen sammeln.
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¹ Befragung von jungen Menschen für junge Menschen. Voice Up! Ergebnisbericht 2025. Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH, https://voiceup-dkjs.de/wp-content/uploads/2025/12/VoiceUp_Ergebnisbericht_2025.pdf, S. 27 (Stand: 04.02.2026).
² Ebd., S. 29.
³ Junges Engagement für sozialen Wandel. Bertelsmann Stiftung, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/gennow-junges-engagement-fuer-sozialen-wandel, S. 19 (Stand: 04.02.2026).
⁴ Glossar. Das Reflexionstool. Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH, https://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/glossar (Stand: 04.02.2026).
⁵ Ebd.
⁶ Praxiskarten: Demokratie braucht Kompetenzen. Das Reflexionstool. Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH, https://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/materialien/praxiskarten-demokratie-braucht-kompetenzen (Stand: 04.02.2026).



