Ganztag: Jetzt Mut zur guten Umsetzung!
Nur mit einer Qualitätsoffensive lassen sich die Versprechen des Rechtsanspruchs einlösen
08.07.2025

© DKJS/Illustration: Nele Rojek
Ab dem Schuljahr 2026/27 hat jedes Kind der ersten Klasse einen Anspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung. Schrittweise kommen weitere Klassenstufen hinzu. Der Rechtsanspruch wird für viele Kommunen ein Kraftakt. Er eröffnet zusammen mit den Fördermitteln des Bundes aber auch die Chance, Zukunft zu bauen und Qualität gleich mitzudenken. Wir möchten mit diesem Themenjournal dabei Orientierung und Impulse geben.
Kinder haben besondere Entwicklungsbedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen, wenn sie einen Großteil des Tages in Schule oder Hort verbringen. Wie gut das gelingt, entscheidet darüber, ob ganztägige Bildung entwicklungsförderlich und ausgleichend wirkt – oder im Gegenteil Ungerechtigkeiten verschlimmert und Entwicklungen beeinträchtigt.
In der Umsetzung ganztägiger Angebote gehen die Bundesländer verschiedene Wege. Was auf den ersten Blick wie ein Flickenteppich erscheint, entspricht den unterschiedlichen Organisationsmodellen und der Vielfalt, die möglich ist, um den Rechtsanspruch je nach Bedarf vor Ort umzusetzen. Entscheidend sind ein gemeinsames Verständnis von Ganztagsqualität und ein gutes Zusammenspiel der verschiedenen Akteur:innen auf Steuerungs- und Praxisebene. So wird ganztägige Bildung in den Städten und Gemeinden zu einer runden Sache.
Worum geht es beim Rechtsanspruch genau?
Im August 2026 wird der Rechtsanspruch¹ auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder eingeführt. Familien haben dann Anspruch auf täglich acht Stunden Bildung und Betreuung an offenen oder gebundenen Ganztagsschulen oder Horten – zunächst nur für Kinder der ersten Klasse. Bis 2029 kommt jährlich jeweils eine Klassenstufe hinzu.
Mit dem Rechtsanspruch sollen sowohl die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert, als auch die Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung gefördert werden: mehr Bildungs- und Teilhabechancen durch ein Mehr an Zeit zum Lernen, Entdecken, Miteinander.
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Das Gesetz zur ganztägigen Förderung von Kindern im Grundschulalter (GaFöG) sichert den Anspruch eines Kindes ab Schuleintritt bis zum Beginn der fünften Klassenstufe auf Förderung in einer Tageseinrichtung. Der Rechtsanspruch wird im Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) – Kinder- und Jugendhilfe geregelt und sieht einen Betreuungsumfang von acht Stunden an allen fünf Werktagen vor. Die Unterrichtszeit wird angerechnet.
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In seinen Grundsätzen der Förderung nennt das SGB VIII § 22 (2) drei Ziele für Einrichtungen. Sie sollen:
„1. die Entwicklung des Kindes zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit fördern,
2. die Erziehung und Bildung in der Familie unterstützen und ergänzen,
3. den Eltern dabei helfen, Erwerbstätigkeit, Kindererziehung und familiäre Pflege besser miteinander vereinbaren zu können.“
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In SGB VIII § 22 (3) heißt es: „Der Förderungsauftrag umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung des Kindes und bezieht sich auf die soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Er schließt die Vermittlung orientierender Werte und Regeln ein. Die Förderung soll sich am Alter und Entwicklungsstand, den sprachlichen und sonstigen Fähigkeiten, der Lebenssituation sowie den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen Kindes orientieren und seine ethnische Herkunft berücksichtigen.“
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§ 22 SGB VIII Grundsätze der Förderung Absatz 3: „Für die Erfüllung des Förderungsauftrags nach Absatz 3 sollen geeignete Maßnahmen zur Gewährleistung der Qualität der Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege weiterentwickelt werden. Das Nähere regelt das Landesrecht.“
Der Bund fördert den Ausbau der Ganztagsbetreuung mit mehreren Milliarden Euro für bauliche Maßnahmen und Betriebskosten. Es geht dabei längst nicht mehr allein um die Quantität von Ganztagsangeboten. Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz hat deutlich gemacht, wie groß der Betreuungsbedarf ist, und für einen starken Ausbau in der frühkindlichen Betreuung gesorgt. Darauf haben sich Eltern und Arbeitgeber:innen eingestellt. Da derzeit in vielen Regionen jedoch noch zu wenige verlässliche Ganztagsangebote für Kinder im Grundschulalter existieren, ist eine Betreuungslücke entstanden. Diese soll mit dem Rechtsanspruch geschlossen werden.
Neben der Sicherstellung der Kinderbetreuung für berufstätige Eltern erhofft man sich, dass die Ganztagsangebote dazu beitragen, den Zusammenhang zwischen familiärem Hintergrund und Schulleistung zu verringern, also mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen. Für das große Ziel, die Kinder umfänglich zu fördern, sind vor allem qualitative Veränderungen notwendig. Trotz eines Anteils von aktuell 56 Prozent Grundschulkindern in Ganztagseinrichtungen wurden die Lernerfolge laut Erhebungen wie VERA und IQB² schlechter. Noch immer bleiben herkunftsbedingte Unterschiede bis zum Ende der Schulzeit deutlich ausgeprägt.³
Qualität entscheidet
Studien⁴ zeigen: Nur wenn Ganztagsangebote entsprechende Qualitätskriterien erfüllen, können sie Kinder nachhaltig fördern, Chancengerechtigkeit schaffen und soziale Ungerechtigkeiten abbauen. Besonders Kinder aus benachteiligten Familien profitieren dann langfristig von guten ganztägigen Bildungsangeboten.
Blickt man sich aber heute im Bildungssystem um, scheint manches im Argen. Es fehlt oft an Zeit, Zuwendung, Zusammenarbeit und bedarfsorientierten Angeboten. Die Bedürfnisse der Kinder drohen auf der Strecke zu bleiben.
„Ein Schulalltag, in dem sich Kinder wohl fühlen, verlässliche erwachsene Bezugspersonen haben und Zeit finden, ihren Interessen nachzugehen, Neues zu entdecken, zu wachsen und ihre Talente zu entfalten, das ist die Grundlage für erfolgreiche Bildung“, sagt Annekathrin Schmidt, DKJS-Expertin für Schule und Ganztag. Das sollte auch das Ziel des Ganztagsausbaus sein. Einfach nur mehr Zeit unter Aufsicht verbringen reiche nicht. „Schüler:innen müssen ihre Schule aktiv mitgestalten können. Auch für erste Demokratieerfahrungen bietet der Ganztag viele Möglichkeiten“, findet die Erziehungswissenschaftlerin. Sie plädiert für eine Ganztagsbildung, die nicht nur Raum zum Lernen bietet, sondern für echte Teilhabe und Persönlichkeitsbildung sorgt.
Bereits seit 2005 begleitet die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) den Ausbau der Ganztagsbildung und unterstützt Akteur:innen in Politik und Verwaltung, bei Trägern und Vereinen, der Schulaufsicht, der Jugendhilfe und Schulen dabei, Ganztagsqualität weiterzuentwickeln. „Die Bedürfnisse von Kindern dabei ins Zentrum zu stellen, sehen wir als einen enorm wichtigen Auftrag“, so Schmidt.
„Qualität wird nicht nur durch pädagogische Konzepte definiert, sondern durch das, was Kinder im Alltag tatsächlich erleben.“
Prof. Dr. Rahel Dreyer

© ZDF/Hertrich
Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Rahel Dreyer arbeitet an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin mit besonderem Fokus auf frühkindliche Bildung, Ganztagsschule, inklusive Bildung und Kind- und Praxisorientierung. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was Kinder beim Lernen brauchen, was man aus der Umsetzung des Rechtsanspruchs im Kita-Bereich lernen kann und welches Werkzeug der Ganztag für die Bildungspolitik sein könnte.
Frau Professor Dreyer, Sie untersuchen in Ihrer Forschung, wie Bildungsangebote, insbesondere im Ganztag und in der frühkindlichen Bildung, so gestaltet werden können, dass sie den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden. Was bedeutet denn Qualität, wenn wir vom Kind aus denken?
Prof. Dr. Rahel Dreyer: „Der Kinderperspektiven-Ansatz von Walther, Nentwig-Gesemann und Fried (2021)⁵ liefert wertvolle Einblicke, wie Kinder selbst Qualität im Ganztag wahrnehmen. Ihre Forschung zeigt, dass Qualität nicht nur durch pädagogische Konzepte definiert wird, sondern vor allem durch das, was Kinder im Alltag tatsächlich erleben.
- Sich wohl und sicher fühlen: Kinder brauchen feste Bezugspersonen und stabile Beziehungen. Sie wünschen sich einen Ort, an dem sie sich willkommen, wertgeschätzt und geschützt fühlen.
- Mitentscheiden und mitgestalten können: Kinder erleben hohe Qualität, wenn sie Einfluss auf den Tagesablauf, Spielräume und Aktivitäten haben. Ein guter Ganztag gibt ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Interessen einzubringen.
- Freiräume für selbstbestimmtes Tun: Qualität heißt für Kinder nicht nur ein durchgetaktetes Programm, sondern auch Phasen ohne direkte Anleitung, in denen sie selbstständig forschen, spielen und ausprobieren können. Sie brauchen Orte und Zeiten für Rückzug und Entspannung.
- Vielfältige Anregungen und Herausforderungen: Kinder möchten Neues entdecken, aber auch eigene Stärken weiterentwickeln. Ein guter Ganztag bietet ein breites Spektrum an Aktivitäten, von Kunst und Musik bis Sport und Technik.
- Gute soziale Beziehungen erleben: Freundschaften und ein positives Miteinander sind für Kinder entscheidend für ihr Wohlbefinden und ihre Lernmotivation. Sie brauchen eine Atmosphäre, in der sie sich gehört und ernst genommen fühlen.“
Wenn der Ganztag ein Tool im Werkzeugkasten der Bildungspolitik ist, welches Werkzeug wäre er?
„Der Ganztag wäre ein Schweizer Taschenmesser unter den Werkzeugen der Bildungspolitik – vielseitig, anpassungsfähig und darauf ausgelegt, unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen: Wie ein Taschenmesser verschiedene Klingen für unterschiedliche Aufgaben hat, vereint der Ganztag Betreuung, Bildung und Förderung. Er kann als Hebel wirken, um soziale Unterschiede abzumildern und allen Kindern Zugang zu zusätzlichen Lern- und Förderangeboten zu ermöglichen. Ähnlich wie ein multifunktionales Werkzeug verbindet der Ganztag Schule, außerschulische Partner und Familien, um eine ganzheitliche Förderung zu ermöglichen. Für Eltern ist er ein stabiler Helfer im Alltag – vergleichbar mit einer zuverlässigen Zange, die Spannungen aus dem System nimmt.“
„Unser Leitmotiv sind die Kinder: Die Interessen und Bedürfnisse der Kinder sind bei der pädagogischen Gestaltung ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote handlungsleitend.“
Katharina Günther-Wünsch
KMK-Vorsitzende
Was Kinder brauchen, wird zum Kompass für Qualität im Ganztag
Worauf kommt es an bei einer guten Ganztagsschule? Dr. Anna Schütz gehört in der DKJS zum Leitungsteam der Serviceagentur Ganztag Berlin, die seit mehreren Jahren Schulleitungen und Bildungsverwaltungen berät. Sie erläutert, was gute Qualität im Ganztag bedeutet.
Im föderalen Bildungssystem der Bundesrepublik verlief die Ganztagsschulentwicklung seit dem ersten großen Investionsprogramm (IZBB) zu Beginn der Zweitausenderjahre mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Beteiligten, Formaten und Vorzeichen. Einigkeit herrscht heute darüber – und das ist eine gute Nachricht –, dass mit der Umsetzung des Rechtsanspruchs auch die Qualität gesteigert werden soll, vor allem dort, wo die Strukturen bereits etabliert sind.
„Gerngehschule“ als Ziel
2023 hat die Kultusministerkonferenz erstmals gemeinsame Empfehlungen zur Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität der Ganztagsschule und weiterer ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder im Grundschulalter in Deutschland definiert. Bemerkens- und begrüßenswert daran ist, dass sie von den Kindern her gedacht werden sollen. „Unser Leitmotiv sind die Kinder: Die Interessen und Bedürfnisse der Kinder sind bei der pädagogischen Gestaltung ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote handlungsleitend“, formulierte es KMK-Vorsitzende Katharina Günther-Wünsch bei der Veröffentlichung. Die Erwachsenen, also Schulleitung, multiprofessionelles Kollegium und außerschulische Kooperationspartner:innen sollen gemeinsam dazu beitragen, dass Ganztagsangebote die Lebenswelt der Kinder bereichern – über das Aneignen von fachlichen Kompetenzen hinaus.
Anders gesagt: Mit der KMK-Empfehlung geht die Vision eines Lern- und Lebensortes einher, der bedarfsorientiert ausgestaltet ist, Lernangebote konzeptionell miteinander verzahnt, den Schulalltag kindgerecht rhythmisiert und so Kinder stärkt und fördert.
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Empfehlung 1: Bei der pädagogischen Gestaltung ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote sind die Interessen und Bedürfnisse der Kinder handlungsleitend.
Empfehlung 2: Ganztagsschulen und Träger weiterer ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote fördern Kompetenzen und machen konzeptionell miteinander verbundene formale, non-formale und informelle Lernangebote.
Empfehlung 3: Die Steuerung und Ausgestaltung des Ganztagsangebots wird von der Schulleitung und ggf. mitwirkenden Kooperationspartnern partizipativ verantwortet.
Empfehlung 4: Ganztagsschulen und Träger weiterer ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote ermöglichen einen Schultag mit rhythmisierten und flexiblen Zeitstrukturen.
Empfehlung 5: Für gelingende ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote ist die Kooperation unterschiedlicher Professionen in festen Kooperationsstrukturen erforderlich.
Empfehlung 6: In ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten wird die Entwicklung von gelingenden Beziehungen zwischen Kindern, Kindern und dem pädagogisch tätigen Personal sowie in der Zusammenarbeit mit Eltern unterstützt.
Empfehlung 7: Lernorte mit ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten knüpfen tragfähige Netzwerke im Sozialraum und kooperieren mit außerschulischen Partnern.
Empfehlung 8: Ganztagsschulen und Träger weiterer ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote schaffen die Voraussetzungen, um das Wohlbefinden der Kinder zu stärken und zu fördern.
Empfehlung 9: Ganztagsschulen und Träger weiterer ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote gestalten die pädagogische Praxis auch in Kooperation mit Angeboten der freien Kinder- und Jugendhilfe.
Empfehlung 10: In Ganztagsschulen und weiteren ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten wird für jedes Kind ein gesundes Mittagessen angeboten.
Empfehlung 11: Ganztagsschulen und Träger weiterer ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote gestalten Raum und Räume auch durch kreative Flächennutzungskonzepte zu kindgerechten Lern- und Lebensräumen.
Empfehlung 12: Ganztagsschulen und Träger weiterer ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote sichern die Qualität der Ganztagsangebote und überprüfen ihre Wirkung.
In diesem Sinne wird das Leitbild der Kindzentrierung zum Kompass für die Ganztagsschulentwicklung. Dieser Kompass weist die Richtung und bietet Orientierung, wie Qualität erzielt werden kann. Oder wie es eine Schulleiterin bei einer Veranstaltung der Serviceagentur Ganztag Berlin formulierte: Ziel ist eine „Gerngehschule für die ganze Schulgemeinschaft“.
Welchen Ganztag wollen Kinder?
Das Kerngeschäft von Pädagog:innen ist es, Bedarfe der Kinder zu erkennen und Lern- bzw. Entwicklungsprozesse professionell zu unterstützen. Hier treffen sich der schul- und sozialpädagogische Auftrag. Dabei sollte die erwachsene Perspektive auf die Kinder – auch wenn sie professionell reflektiert wird – ergänzt werden durch Meinungen, Rückmeldungen und vor allem Ideen der Kinder selbst. Was finden Kinder gut, was eher nicht? Wovon brauchen sie mehr und welche Vorschläge zur Gestaltung einer Gerngehschule haben sie? Wir haben sie gefragt – u. a. beim 1. Berliner Schüler:innenkongress:
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Das waren Botschaften der Dritt- und Viertklässler:innen⁷:
Auf einem Plakat gibt es noch mehr davon: Unser Blick auf Ganztagsschule
Was gefällt dir gut / nicht so gut an deiner Ganztagsschule?
In Schleswig-Holstein haben wir mit Kindern an acht Grundschulen gesprochen und sie gefragt, was ihnen an der Ganztagsbetreuung gefällt, was nicht so, welche Lieblingsorte sie an ihrer Schule haben und was sie sich noch wünschen würden.
An der Ganztagsschule gefällt mir,
„… dass ganz viele Freunde dabei sind und wir dann nicht Hausaufgaben zu Hause machen müssen.“
„… der Wald im Schulhof, weil da bin ich öfters alleine, weil es da so ruhig ist und da keine Kinder sind. Und ich da manchmal spielen kann mit Freunden, manchmal bin ich da auch ganz alleine und ruh mich aus. Also da chill ich da ein bisschen.“
Mehr Kinderstimmen sind in den Videos auf der Webseite unserer Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Schleswig-Holstein zu finden.
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Welchen Ganztag brauchen Kinder?
Die Entwicklungspsychologin Oggi Enderlein beschreibt in der DKJS-Publikation „Was Grundschulkinder brauchen“⁸ die Bedürfnisse und die Entwicklung von Sechs- bis Zwölfjährigen als Ausgangspunkt für einen guten Ganztag.
Sie verweist auf eine KINDGERECHTE Rhythmisierung und Verzahnung, denn „ein guter Ganztag sollte so gestaltet sein, dass Kinder ihren ‚Bildungstag‘ als eine Einheit erleben“ (S. 50) und zwar sowohl hinsichtlich der zeitlichen Strukturierung des Tages als auch hinsichtlich der Zusammenarbeit der Erwachsenen um sie herum.
Gute, verlässliche PÄDAGOGISCHE BEZIEHUNGEN und PEERBEZIEHUNGEN sind wesentlich für Stimmung und Wohlbefinden von Kindern (vgl. Walther/Nentwig-Gesemann/ Fried 2021⁹).
„Ein Schulalltag, in dem sich Kinder wohl fühlen, verlässliche erwachsene Bezugspersonen haben und Zeit finden, ihren Interessen nachzugehen, Neues zu entdecken, zu wachsen und ihre Talente zu entfalten, das ist die Grundlage für erfolgreiche Bildung.“
Annekathrin Schmidt
DKJS-Expertin für Schule und Ganztag
Kindern sollte etwas zugetraut und ihren Themen sollte Raum gegeben werden. Insbesondere im Ganztag, der ja Erfahrungs- und somit Bildungsräume erweitern soll. Der Lebensweltbezug und Selbstwirksamkeitserleben spielen deshalb eine große Rolle. „Eigenständige, vergnügliche, auch gefährliche Aktivitäten und die Möglichkeit, in die ‚echte Welt‘ rauszugehen, sind den Kindern wichtig.“ (S. 51)
Und wenn Kinder viel Zeit in einer Institution verbringen, sollten sie ihr Recht auf MITBESTIMMUNG & BETEILIGUNG ausüben. Das ist u. a. laut der 4. World Vision Kinderstudie 2018 (S. 94)¹¹ durchaus noch deutlich ausbaufähig.
Wenn die Wirksamkeit ganztägiger Bildung und Betreuung erhöht werden soll, sind folgende Rahmenbedingungen also unbedingt nötig:
- Struktur des Ganztags: Kindgerechte Rhythmisierung und Verzahnung
- Personen im Ganztag: Gute pädagogische Beziehungen und Peerbeziehungen
- Leben im Ganztag: Lebensweltbezug und Selbstwirksamkeitserleben
- Demokratie im Ganztag: Mitbestimmung und Beteiligung
Kein Selbstläufer: Was sind die wichtigsten/besten Hebel für einen guten Ganztag?
Über 20 Jahre nach Start des IZBB-Programms lässt sich aus der alltäglichen Ganztagspraxis viel über Qualität im Ganztag lernen. Der bedarfsgerechte Einsatz der zentralen Ressourcen von Ganztagsschulen an erweiterten Zeiten und Räumen sowie vor allem der Multiprofessionalität erfordert tiefgreifende Schulentwicklungsprozesse, um Potenziale und Wirksamkeit zu entfalten.
Der Blick auf die konkrete Praxis vor Ort zeigt, dass das Potenzial von Multiprofessionalität dort erfolgreich genutzt wird, wo es einen strukturell verankerten, kompetenten Austausch über die Bedarfe der Kinder und im Ergebnis eine Vervielfältigung bzw. größere Passung an bspw. Förderangeboten gibt. Auch unterschiedliche Ansprechpersonen sind ein großes Plus mit Blick auf die Bedarfe von Kindern und Familien: Ein Erzieher, der den Unterricht begleitet oder im Nachmittagsbereich arbeitet, findet oft einen anderen Zugang zu den Kindern, um schwierige Gruppendynamiken zu bearbeiten als die Lehrkraft. Der mehrsprachigen AG-Leiterin vertraut ein Elternteil eventuell eher Fragen und Sorgen an als dem Klassenleiter.
Das Mehr an Zeit und Raum einer Ganztagsschule wird immer dann zum Vorteil, wenn viele verschiedene Lerngelegenheiten und Anregungsräume für Kinder entstehen. Das kann eine Lernwerkstatt oder ein Gartenstück genauso sein wie ein Robotik- oder Sportkurs. Die Möglichkeiten, Schüler:innen individuell und bedarfsgerecht zu unterstützen, erweitern sich, wenn die lebensweltbezogenen Themen und Anliegen der Kinder Platz finden, Partizipation grundlegendes Praxisprinzip ist, sich Lernen mit der Lebenswelt der Kinder verbindet und Förderung als gemeinsame Aufgabe aller Pädagog:innen angenommen wird. Dazu gehört auch, im Schulalltag Räume und Zeiten für Gemeinschaftserfahrungen und Freundschaften zu verankern.
Die Studien zur Wirkung von Ganztagsangeboten machen deutlich, dass der Ganztag positive Bildungsverläufe und schulische Leistungen unterstützen kann, aber keinesfalls ein Selbstläufer ist (Kielblock/Maaz 2024, 8¹²). Eine bedeutende Rolle spielen hier die Angebotsqualität sowie -attraktivität, die Beziehungsqualität und die Dauer der Teilnahme. Aus der Synopse von Kielblock/Maaz (2024, S. 9¹³) lässt sich ableiten, dass Schüler:innen bzgl. ihres Selbstkonzepts und Kompetenzerlebens profitieren können, wenn sie außerunterrichtliche Angebote besuchen und der Besuch schulischer Ganztagsangebote das Sozialverhalten positiv beeinflussen kann. Auch das Wohlbefinden – gemessen als Schulfreude – entwickelt sich besonders positiv bei dauerhafter Nutzung (Fischer et al. 2012¹⁴) und hoher Qualität (Fischer et al. 2011¹⁵; Fischer/Theis 2014¹⁶).
An vielen Orten laufen bereits Prozesse zur Qualitätsentwicklung von Ganztagsstrukturen und attraktiven bzw. bedarfsorientierten Angeboten. Aus der Erfahrung der DKJS-Schulentwicklungsprogramme wissen wir aber, dass es Zeit, ein hohes Maß an Engagement sowie Kraft und nicht selten auch Mut der Beteiligten braucht, um Bildungsorte auf diese Weise weiterzuentwickeln.
Eine gute Gestaltung des Ganztags (Gestaltungsqualität) ist auf entsprechende Rahmenbedingungen angewiesen (Inputqualität). Sie müssen der Ganztagsschulentwicklung entsprechen. Dazu gehören rechtliche Vorgaben wie Gesetze aber auch verbindliche Qualitätsstandards, die Orientierung für die schulische Praxis bieten. Auch die zur Verfügung stehenden Ressourcen Zeit, Raum bzw. Gebäude und finanzielle Mittel beeinflussen die Handlungsspielräume der Einzelschulen maßgeblich. Ein guter Ganztag ist auf Fachkräfte verschiedener Berufsgruppen und ihre stetige Professionalisierung angewiesen. Die Möglichkeiten der berufsvorbereitenden und -begleitenden Qualifizierung sind deshalb immer zentral für eine hohe Gestaltungsqualität.
Zudem ist es relevant, welche Unterstützung Ganztagsschulen erhalten. Nicht zuletzt sind Wertschätzung und Anerkennung der organisatorischen und pädagogischen Arbeit an den Schulen seitens Bildungspolitik und Bildungsverwaltung sowie der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ein wichtiger Faktor hinsichtlich der Motivation und der Selbstwirksamkeitsüberzeugung der schulischen Akteur:innen. Diese Wertschätzung drückt sich nicht nur in Worten, sondern vor allem in der Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen aus.
Qualität steuern
Die Ausgangsbedingungen für die Qualitätsentwicklung in Sachen Ganztag sind in den Ländern sehr unterschiedlich. Das zeigt sich schon an der Vielfalt von Qualitätsrahmen, Handlungsempfehlungen und Standards, da diese sinnvollerweise mit dem Entwicklungsstand des Ganztags, mit dessen Verortung im Bereich Schule oder im Bereich Jugendhilfe sowie den rechtlichen Leitplanken verbunden sind. Mit dem Rechtsanspruch einher geht deshalb der Anspruch, die Bildungsansätze von Schule und Jugendhilfe unter den vorhandenen regionalen Gegebenheiten zusammenzubringen. Ob die sieben Stunden Betreuung von Grundschulkindern pro Tag als gebundener Ganztag unter dem Dach der Schule stattfinden oder im offenen Modell durch kommunale Horte oder freie Kitaträger organisiert werden, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
Entscheidend ist die Entwicklung eines gemeinsamen Handlungsansatzes, der arbeitsteilig und wertschätzend beide Bildungs- und Entwicklungsansätze integriert. Zielsetzungen in Form erwarteter Gestaltungs- und Outputqualität aber, insbesondere die Wege zur Umsetzung guter Ganztagspraxis, müssen in den jeweiligen Handlungskontexten der Länder und Kommunen möglichst partizipativ und mit dem Blick auf die Bedarfe der Kinder, der schulischen Akteur:innen und der Steuerungsakteur:innen ausgehandelt werden.
Insbesondere die Frage nach der Outputqualität kann hier sehr fruchtbar sein, denn Ganztag ist ja kein Selbstzweck, sondern ein mit Wirkungserwartungen verbundenes pädagogisches Modell, das Bildungsorte darin stärken soll, Kinder ganzheitlich in ihrem Wissen, ihren Kompetenzen und ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern.
„Das Bild von klar getrennten Bereichen – morgens Schule, ab mittags Ganztag – ist aus Qualitätsperspektive heute überholt. Gute Ganztagsschulen arbeiten kooperativ im multiprofessionellen Kollegium zusammen und verzahnen die unterschiedlichen formalen, non-formalen und informellen Bildungselemente, aus denen sich Schultag, -woche und -jahr der Kinder zusammensetzen. In Berlin sehen wir das sehr deutlich an einigen Schulen, übrigens nicht nur gebundenen Ganztagsschulen, sondern auch solchen, die offen arbeiten.“
Dr. Anna Schütz
Serviceagentur Ganztag Berlin
Solche Aushandlungsprozesse und ihre Ergebnisse bilden die Basis kohärenten Handelns auf allen relevanten Ebenen. Denn nur wenn ein gemeinsames Verständnis über das Ziel existiert, können die unterschiedlichen Akteur:innen der Bildungspolitik, der Kommunen, der Schulträger, der Schulaufsicht und natürlich der Schulen es auch erfolgreich ansteuern. Gute Ausgangspunkte sind dafür übergreifende Qualitätsbeschreibungen, die Orientierung für eine Ausgestaltung des Ganztags bieten, mit der dessen Ressourcen zielführend und wirksam ausgeschöpft werden können. Dazu gehören die oben benannten Empfehlungen der KMK oder bspw. das 5×5 der guten Ganztagsschule. Als Kompass eignet sich ganz pointiert aber auch die zugleich einfache und komplexe Frage: „Was brauchen die Kinder für ein gutes Hier, ein Jetzt und eine Zukunft?“
Guter Ganztag hat viele Formen und entsteht im Miteinander
Ein gutes Zusammenspiel verschiedener Professionen und Perspektiven macht gute Ganztagsschule aus. Und das sollte idealerweise schon bei der Planung beginnen.
Wie z. B. in Berlin-Pankow: Vor ihrem Umzug in ein neues, gemeinsames Gebäude konnte das Team der Maria-Leo-Schule die Zusammenarbeit über längere Zeit intensiv vorbereiten. Dafür haben sie sich externe Hilfe und Beratung geholt. Bei der Planung waren nicht nur die Lehrkräfte, sondern immer auch die Erzieher:innen dabei. „Das ist etwas Besonderes, die große Wertschätzung, die wir hier erfahren“, findet Erzieher Marcel Tuttlies. „Wir versuchen so wenig wie möglich einen Unterschied zwischen den Professionen zu machen“, bestätigt die Schulleiterin der Berliner Grundschule.
Schulporträt „Wie Menschen und Räume an der Maria-Leo-Grundschule zusammenarbeiten“
Aus Jena berichtet Linda Schmidt, Schulleiterin an der Staatlichen Gemeinschaftsschule Kulturanum: „Unsere Schulgemeinschaft besteht aus einem vielfältigen pädagogischen Team: Neben Fachlehrer:innen arbeiten bei uns Sonderpädagog:innen, Erzieher:innen, Schulsozialarbeiter:innen, pädagogische Assistenzkräfte, Integrationshelfer:innen sowie Lernförderkräfte der Volkshochschule Jena. Besonders profitieren wir von der Zusammenarbeit mit vielen Studierenden, die ihr Praxissemester bei uns absolvieren oder anschließend auf Honorarbasis unser Team verstärken. Die Zusammenarbeit ist komplex, da wir im Teamunterricht darauf achten, dass alle Beteiligten mehr sind als nur „Heizkörperlehrer:innen“ [also nur am Rand stehen]. Wir nehmen uns bewusst Zeit für Austausch und Absprachen: Wöchentlich finden mindestens drei bis vier Teamsitzungen in unterschiedlichen Konstellationen statt. Das ist zwar mehr Aufwand als an einer klassischen Halbtagsschule, aber wir sind überzeugt, dass diese intensive Zusammenarbeit die Basis für erfolgreiches Lernen und ein gutes Miteinander ist. Besonders schön ist, dass auch am Freitagnachmittag viele Kolleg:innen gerne zum Teamausklang kommen – einer Mischung aus Dienstberatung, Teamspiel, Wertschätzung und einem Stück Kuchen.“
Auch ein gemeinsames Ziel- und Qualitätsverständnis ist eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung guter Ganztagsbildung bei der Realisierung des Rechtsanspruchs. Nicht nur vor Ort, sondern auch in der Steuerung auf kommunaler, Länder- und Bundesebene.
Der Ganztag hat sich in den Ländern unterschiedlich schnell und in unterschiedlichen Formen entwickelt. In den ostdeutschen Bundesländern ist beispielsweise das quantitative Ziel des Rechtsanspruchs oft schon erreicht, und wird durch Horte bzw. altersgemischte Kitas umgesetzt.
Auf der anderen Seite stehen Bundesländer wie Bayern oder Rheinland-Pfalz vor der Aufgabe, in einigen Regionen erst einmal Strukturen zu schaffen bzw. auszubauen, um genügend Plätze anbieten zu können. Durch diese Bandbreite ist es nicht möglich, allgemeingültige Empfehlungen auszusprechen, wie die Mittel für die Umsetzung des Rechtsanspruchs konkret genutzt werden sollten. Doch auch hier wird vermutlich, ähnlich wie beim Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, die Frage nach der Qualität der Angebote schnell ins Blickfeld rücken. Ziel wird es daher sein, bei den einen bestehende Angebote noch stärker auf die Bedürfnisse der Kinder auszurichten, um gezielt Bildungschancen zu verbessern, bei denen, die noch planen, Kriterien für ein gutes Ganztagsangebot zu entwickeln.
Viele Verantwortliche in Kommunen und Bildungsverwaltungen überlegen, wen sie sinnvollerweise alles in ihre Planungen einbeziehen sollen und welche Vorgehensweise am besten auf die Bedarfe vor Ort passt. Die Systeme sind noch nicht immer aufeinander abgestimmt: Ist z. B. nur ein Ferienangebot der Jugendhilfe oder auch eines des Sportvereins rechtsansprucherfüllend? Bisher nicht, das wird aber heiß diskutiert und muss von der Angebotsqualität her und vor allem aus Sicht der Kinder beurteilt werden.
Ein Ziel – verschiedene Wege
Nach welchen Gesetzesgrundlagen, mit welchen Akteur:innen, welchem Personal und in welchen Formen wird die ganztägige Förderung und Betreuung in den Ländern organisiert?
Beim Ausbau der Ganztagsförderung im Zuge der Umsetzung des Rechtsanspruchs schließen die Länder an ihre bestehenden Strukturen an. Dies führt dazu, dass es unterschiedliche Landessysteme für die Ganztagsförderung gibt und meistens auch innerhalb der einzelnen Länder verschiedene Organisationsmodelle zu finden sind. Die Bandbreite reicht von einer Über-Mittag-Betreuung über Hortangebote und offene oder freiwillige Ganztagsschulen bis hin zur gebundenen Ganztagsschule.
Drei idealtypische Landessysteme haben sich herausgebildet: In einigen Ländern sind sie in Verantwortung der Schulen und damit der Bildungsministerien organisiert (Fokus Schule; Berlin, Hamburg, NRW, Thüringen). In anderen sichern vor allem (altersgemischte) Kitas und Horte als Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe die Erfüllung des Rechtsanspruchs. Darüber hinaus bieten Ganztagsschulen ergänzende Bildungsangebote am Nachmittag (Fokus Kita; Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt). Die Hälfte der Bundesländer arbeitet mit einem Mischsystem aus Angeboten im Schulsystem oder in der Kinder- und Jugendhilfe, wobei der weitere Ausbau (mit Ausnahme von Bayern) vorrangig über das Schulsystem erfolgt.
Hier finden Sie eine Übersicht zu den in Deutschland gängigen Organisationsmodellen:
Für die Umsetzung der Ganztagsangebote lassen sich ebenfalls drei Organisationsmodelle unterscheiden: Beim Kita-Modell (also in den Ländern mit Fokus Kita oder mit Mischsystem) basieren die Angebote auf den Ausführungsgesetzen des jeweiligen Landes zum SGB VIII. Entsprechend gibt es hier landesweit gültige Regelungen zum Einsatz von Fach- und Ergänzungskräften.
Für Angebote an Schulen gibt es – mit unterschiedlichen Schwerpunkten und unterschiedlicher Ausgestaltung in den einzelnen Ländern – zwei Grundmodelle für die Organisation: Im Schul-Modell liegt die Gestaltung des Ganztagsangebot in der Hand der Schule bzw. Schulleitung und das Personal ist daher auch bei der Schule bzw. beim Land angestellt. Oft werden ergänzend Honorarkräfte oder Personal eines außerschulischen Kooperationspartners (z. B. Träger der Jugendhilfe) eingesetzt.
Im Organisationsmodell Träger liegt die Ausgestaltung des Ganztags beim außerschulischen Träger, zum Beispiel einem freien Träger der Jugendhilfe oder auch bei einem Verein oder einem anderen nichtkommerziellen Anbieter, der – in Abstimmung mit der Schulleitung – für die Bereitstellung des Personals und die Angebote zuständig ist.
Checkliste: Wie den Weg planen und wen mitnehmen?
Die im Mai 2025 angekündigte Fristverlängerung bei der Beantragung der Bundesmittel für die Umsetzung des Rechtsanspruchs gibt den Akteur:innen etwas mehr Zeit, die Schritte zur Umsetzung in die Wege zu leiten und strukturiert und systematisch in den Vorbereitungsprozess zu gehen.
Wichtig dabei: ein zielorientiertes, kindzentriertes Zusammenwirken der Systeme Schule und Jugendhilfe auf allen Ebenen und eine datenbasierte Weiterentwicklung und Stärkung bestehender Ganztagsstrukturen entlang eines Qualitätsrahmens.
Denn bisher wurde der Ganztag und Qualitätsentwicklung vor allem aus schulischer Perspektive entwickelt und vorangetrieben. Durch den Rechtsanspruch und Verankerung im SGB VIII schiebt sich nun die rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit in den Vordergrund. Qualitätsdebatten müssen also um diese Akteur:innen erweitert und die Perspektiven aller Stakeholder von Anfang an eingebunden werden. Die Gestaltungsfragen auf viele Schultern zu verteilen ermöglicht, dass Schulträger und Kinder- und Jugendhilfe ihren Beitrag Hand in Hand mit der schulischen Ebene einbringen und sich mit dieser gut verzahnen können.
Eine besondere Rolle kann auch die Schulaufsicht einnehmen, die im Zusammenspiel der umsetzenden Akteur:innen des Rechtsanspruchs – Jugendhilfe, Kommune, Schule, Schulträger, Schulaufsicht – eine stärkere Verantwortung übernehmen sollte. Dass dies und wie dies gelingen kann, hat die DKJS im Programm LiGa – Lernen im Ganztag gezeigt.
Planungsrunden vor Ort und auf der Steuerungsebene können für diesen Prozess unsere Checkliste mit Orientierungsfragen nutzen.
Und der Fachkräftemangel?
Der bundesweite Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder ist mit einem deutlich steigendem Personalbedarf verbunden. Je nach Berechnungsmethode gibt es bis 2030 rund 300.000 bis 600.000 zusätzliche Ganztagsplätze. Auch wenn die statistische Erfassung der im Ganztag Beschäftigen bislang unzureichend ist, kann man davon ausgehen, dass dafür zwischen 50.000 und 100.000 zusätzliche Mitarbeitende benötigt werden.
Angesichts des bereits herrschenden Personalmangels im sozialen und pädagogischen Bereich erscheint es unrealistisch, dass dieser Bedarf ausschließlich durch ausgebildete Fachkräfte gedeckt werden kann. Schon heute ist es in Bundesländern ohne verbindliches Fachkräftegebot gängige Praxis, dass in vielen Ganztagsangeboten überwiegend Mitarbeitende ohne pädagogische Qualifikation tätig sind.
Das muss nicht zwangsläufig ein Nachteil sein: Unterschiedliche berufliche Hintergründe und Lebenserfahrungen können das Angebot im Ganztag bereichern. Damit diese Potenziale jedoch professionell wirksam werden, braucht es ein gemeinsames pädagogisches Fundament. Ein grundlegendes Verständnis kindlicher Entwicklungsprozesse, von Bildungsangeboten und der Reflexion des beruflichen Handelns darf dabei nicht ausschließlich auf persönlichen Erfahrungen, wie z. B. der Erziehung eigener Kinder, beruhen.
Deshalb ist es unerlässlich, Mitarbeitende ohne oder mit geringen pädagogischen Vorkenntnissen systematisch zu qualifizieren. Nur so kann die Qualität im Ganztag langfristig gesichert und weiterentwickelt werden. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) beauftragte Erarbeitung von KoGaT – Kompetent im Ganztag. Voraussichtlich im Herbst 2025 soll dieses bundesweit nutzbare Curriculum kostenlos zur Entwicklung von Weiterbildungsangeboten zur Verfügung stehen. Es kann so als Grundlage für die Qualifizierung nicht-pädagogisch ausgebildeten Personals im Ganztag dienen.
Aktuelle Projekte
Neues wagen und Vorhandenes einbinden – die Einbindung und Zusammenarbeit verschiedener Professionen und Ebenen ist entscheidend für Ganztagsqualität. Dabei wird Kommunikation, Begleitung, Qualifizierung und Austausch gebraucht. Hier finden Sie aktuelle Angebote der DKJS zur Ganztagsschulentwicklung:
Unsere Empfehlung an die Bildungspolitik:
Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung mit Qualität verknüpfen
- Der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Kinder im Grundschulalter soll die Bildungschancen für alle Kinder verbessern. Um dieses Versprechen einzulösen, braucht es ausreichend viele Ganztagsplätze sowie eine verbindliche und qualitätsvolle Umsetzung der Angebote vor Ort.
- Wir empfehlen eine bundesweite Offensive für mehr Qualität im Ganztag. Durch sie werden Fachkräfte aus Jugendhilfe und Schule, Kooperationspartner:innen im Sozialraum und Verwaltung begleitet und qualifiziert. Zugleich werden nachhaltige Strukturen ausgebaut, um einen hochwertigen Ganztag im Grundschulalter für Kinder und Familien zu sichern.
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Die dritte Teilstudie der Reihe „BeSa – Beratende Schulaufsicht“ liefert erstmals eine gesamtdeutsche Perspektive auf die Beratungsarbeit der Schulaufsicht. Erkenntnisse, Empfehlungen und Impulse für die Weiterentwicklung der Schulaufsicht enthält die Die Studie „Die Strukturqualität von Beratung und Perspektiven auf Standards für die Schulaufsicht“ (Abschlussbericht BeSa 2+)
Beratung ist längst zur zentralen Aufgabe geworden – doch es fehlt an systematischer Qualifizierung, klaren Standards und strukturellen Rahmenbedingungen für die Schulaufsicht, eine wichtige Akteurin, wenn es um Weiterentwicklung von Ganztag, gerade mit dem Fokus Chancengerechtigkeit geht.
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Die Evaluation des Programms LiGa – Lernen im Ganztag zeigt, wie Schulaufsicht und Schulleitung gemeinsam für Qualität im Ganztag wirksam werden können.
In dem Programm entwickelten Ganztagsschulen das individualisierte Lernen weiter, damit alle Schüler:innen erfolgreich lernen. LiGa stärkte die Zusammenarbeit von Schulleitung und Schulaufsicht, damit sie gemeinsam die Qualitätsentwicklung der Schulen voranbringen.
Ziel der zweiten Programmphase (2020 bis 2024) war es, wirksame Steuerungsansätze für die Qualitätsentwicklung langfristig im Regelsystem der vier beteiligten Bundesländer zu verankern und zu verbreiten.
„Ein guter Ganztag muss auf Grundlage der Interessen und Bedürfnisse der Kinder konzipiert und gestaltet werden. Wenn das gelingt, dann leistet der Ganztag einen wertvollen Beitrag, damit Kinder sich geistig, aber auch körperlich, emotional sowie sozial gut entwickeln können und in ihrer Identitätsfindung unterstützt werden.“
Anna-Margarete Davis
verantwortlich für den Bereich Schulentwicklung in der DKJS mit den Schwerpunkten Steuerungshandeln und Ganztag
Links und Downloads
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www.ganztaegig-lernen.de
Das Fachportal für gute Bildung über den ganzen Tag
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Praxisbuch "Agile Co-Entwicklung eines lebendigen Ganztags"
Impulse und Tools für die gemeinsame Gestaltung guten Ganztags an Schulen
pdf 9,30 MB -
„Was Grundschulkinder brauchen“
Bedürfnisse und Entwicklung von Sechs- bis Zwölfjährigen als Ausgangspunkt für einen guten Ganztag, Autorin: Oggi Enderlein
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„Zusammen – Kooperation, Vernetzung und Öffnung von Schulen in den Sozialraum. Hand in Hand für Bildungserfolg und Teilhabe“
Broschüre mit Praxismaterial für Schulen und ihre Partner:innen
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Publikation Grundschule und Hort im Dialog
Praxishandbuch für eine gelingende Kooperation
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Themenjournal als PDF-Reader
Dieses Themenjournal können Sie auch in Form eines PDF-Readers herunterladen
pdf 2,41 MB
Ansprechpartner:innen

© DKJS/ Stefanie Loos
Anna Margarete Davis
Schule & Ganztag
DKJS Geschäftsstelle
Tempelhofer Ufer 11
10963 Berlin
+49 (0)30 25 76 76 75
anna.davis@dkjs.de

Anna Schütz
Leitungsteam der SAG, Referentin für Ganztagsschulentwicklung und -steuerung
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² Nationaler Bildungsbericht Bildung in Deutschland 2024 und IQB-Bildungstrends IQB – IQB-Bildungstrend 2022 in der Sekundarstufe I
³ Ditton, H., Maaz, K. (2022). Sozioökonomischer Status, Bildungserfolg und Bildungsteilhabe. In: Reinders, H., Bergs-Winkels, D., Prochnow, A., Post, I. (eds) Empirische Bildungsforschung. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-27277-7_57
⁴ U.a. beschrieben in Wiedenhorn, Gras: Ganztag und Bildungsgerechtigkeit, 2025 https://library.fes.de/pdf-files/bueros/stuttgart/21946.pdf
⁵ Bastian Walther, Iris Nentwig-Gesemann, Florian Fried. Ganztag aus der Perspektive von Kindern im Grundschulalter Eine Rekonstruktion von Qualitätsbereichen und -dimensionen. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2021
⁶ https://www.kmk.org/aktuelles/artikelansicht/qualitaet-im-ganztag-kmk-entwickelt-empfehlungen.html
⁷ Noch mehr O-Töne der Grundschüler und Grundschülerinnen gibt es auf dem Plakat zum Kongress: https://www.sag-berlin.de/wp-content/uploads/2023/10/DKJS_Schulerinnenkongress_ZW_R.pdf
⁸ DKJS_Was-Grundschulkinder-brauchen_2023_0.pdf
⁹ Bastian Walther, Iris Nentwig-Gesemann, Florian Fried. Ganztag aus der Perspektive von Kindern im Grundschulalter Eine Rekonstruktion von Qualitätsbereichen und -dimensionen. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2021
¹⁰ Der Begriff eFöb steht in Berlin für „ergänzende Förderung und Betreuung an Grundschulen“ und meint die Tagesbetreuung von Kindern im offenen oder gebundenen Ganztagsbetrieb. Alle Grundschulen in Berlin arbeiten bereits als Ganztagsschulen.
¹¹ 4. World Vision Kinderstudie 2018 (S.94)
¹² Kielblock, S. & Maaz, K. (2024). Ganztag als Chance nutzen. Wirkweisen, Entwicklungspotenziale und Handlungsfelder schulischer Ganztagsangebote. Expertise herausgegeben durch die Friedrich-Ebert-Stiftung.
¹³ ebenda
¹⁴ Fischer, Natalie; Radisch, Falk; Theis, Désirée; Züchner, Ivo (2012): Qualität von Ganztagsschulen – Bedingungen, Wirkungen und Empfehlungen. Expertise für die SPD–Bundestagsfraktion. Frankfurt am Main.
¹⁵ Fischer, N., Brümmer, F. & Kuhn, H. P. (2011): Entwicklung von Wohlbefinden und motivationalen Orientierungen in der Ganztagsschule – Zusammenhänge mit der Prozess- und Beziehungsqualität in den Angeboten. In: N. Fischer, H. G. Holtappels, E. Klieme, T. Rauschenbach, L. Stecher & I. Züchner (Hrsg.), Ganztagsschule: Entwicklung, Qualität, Wirkungen: Längsschnittliche Befunde der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). (S. 227–245). Weinheim: Juventa
¹⁶ Fischer, N., & Theis, D. (2014). Extracurricular participation and the development of school attachment and learning goal orientation: The impact of school quality. Developmental Psychology, 50(6), S.1788–1793.
¹⁷ nach Süß, Bogumil, Gehne, Einführung des Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung von Kindern im Grundschulalter https://www.zefir.ruhr-uni-bochum.de/mam/content/materialien_band_27_abschlussbericht_ganztag.pdf
(Seite 7)¹⁸ Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Kinder im Grundschulalter: Landessysteme und Organisationsmodelle. Zwischenbericht, Mai 2025 https://www.uni-due.de/iaq/iaq-forschung-info.php?nr=2025-03
¹⁹ „BeSa – Beratende Schulaufsicht“ 3. Teilstudie https://www.dkjs.de/publikation/neue-erkenntnisse-zur-professionalisierung-der-schulaufsicht/
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Herausgeberin: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung GmbH, 2025
Redaktion: Sabine Käferstein, Anna Davis
Mitarbeit: Nicola Andresen, Birgit Frost, Anne-Franziska Heidenreich, Claudia Köhler, Frauke Langhorst, Annekathrin Schmidt, Claudia Schönsee, Dr. Anna Schütz, Carlotta Weyhenmeyer
Wir danken Prof. Dr. Rahel Dreyer und Prof. Sybille Stöbe-Blossey für das Gespräch bzw. die Beratung.
Illustration & Grafik: Nele Rojek | dynalog
Editorial Design (Digital) & Animation: Louay Sayem-Edaher | dynalog















