Menschen und Geschichten

Raus aus der Schublade

Regelmäßig Hausaufgaben machen, für Tests lernen und alte Rollenmuster überwinden – die drei Camp+-Teilnehmer der Sekundarschule Möckern haben sich viel vorgenommen. Ihre Lehrer unterstützen sie dabei.

© Martin Altmann

Im Frühjahr 2013 tat der 14-jährige Jimmy etwas schier Unglaubliches: Er meldete sich im Mathematikunterricht freiwillig für ein Referat zum Leben von Pythagoras. Einen Tag lang arbeitete er an dem Text, dann trug er ihn der Klasse vor. „Ich hatte wirklich nicht gedacht, dass er es macht“, erinnert sich ein Mitschüler an das Referat. Jimmy und ein Vortrag – das passte nicht einfach zusammen.

Das „Camp+“ hat deshalb nicht gleich einen Musterschüler aus dem als schwierig geltenden Jugendlichen gemacht. Nach wie vor schweigt Jimmy lieber, als dass er redet. Nicht immer schafft er es, für einen Test zu lernen oder die Hausaufgaben zu machen. Der Jimmy, der er einmal war, ist er aber auch nicht mehr. Früher gelang es ihm nie, vor einem Test ins Heft zu gucken, und er erfand Ausreden, wenn er die Hausaufgaben nicht hatte. Dazu stellte er sich gern als blöd dar. „Er hat selbst immer wieder rein gehauen in die Kerbe“, sagt seine Klassenlehrerin Sylvia Zucker, die zusammen mit ihrem Kollegen Rocco Wagner die Nachbetreuung der Camp+-Schüler übernommen hat.

„Ich wollte die Klasse nicht verlassen“

Das Lerncamp hat Jimmy dabei geholfen, diese Schublade zu verlassen. Als unbeschriebenes Blatt gelang es ihm plötzlich, einen Poetry Slam zu schreiben. 130 Zuschauer sahen ihm zum Abschluss der Lernwoche beim Vortragen zu. Nach dem Camp haben ihn seine Lehrer weiter auf diesem Weg unterstützt. Auch deshalb, weil Jimmy ihnen mit der Camp-Teilnahme gezeigt hatte, dass er auf keinen Fall sitzenbleiben wollte. „Ich wollte die Klasse nicht verlassen“, sagt er.

Wenn Jimmy heute seinen Kopf in die Hand stützt und in die Luft schaut, setzen sich die Lehrer neben ihn, um ihm die Aufgabenstellung noch mal zu erklären. „Man kriegt mehr Hilfe“, sagt Jimmy. Auch Antonia und Dustin, die ebenfalls am Camp teilgenommen haben, erleben das so. Dustin findet außerdem, „dass die Lehrer eine bessere Elternarbeit machen“, seit er im Camp war. Für ihn sei es dadurch auch zuhause leichter geworden. 

Auch das Klassengespräch, das Sylvia Zucker in einer Vertretungsstunde spontan initiiert, ist Teil der Unterstützung. „Was hat sich durch das Camp verändert?“ lautet die Frage. Die Schüler im Stuhlkreis überlegen kurz und tragen dann allerhand zusammen: Im Physikunterricht, in dem Jimmy früher beharrlich schwieg, hat er eine Idee eingebracht, bei den Klassenarbeiten legt er keine Pausen mehr ein und wenn er die Hausaufgaben nicht hat, steht er dazu. „Außerdem ist Jimmy freundlicher geworden“, sagt Dustin. 

Das gilt auch umgekehrt. „Jimmy wird nicht mehr so oft ausgebuht“, sagt ein Schüler selbstkritisch und eine Schülerin kann sich vorstellen, selbst am Camp+ teilzunehmen, „um mal zu sehen, wie das ist“. Dass sowohl bei Jimmy als auch bei Dustin die Noten besser geworden sind, hat sie neugierig gemacht. Jimmy, der einen Hauptschulabschluss anstrebt, hat seit dem Camp keine Fünf mehr in Deutsch geschrieben, sondern nur noch Vieren und Dreien. Dustin, der einen Realschulabschluss machen will, glänzte im Sozialkundetest mit einer Eins. Auch Antonia, die ebenfalls einen Realschulabschluss machen will, hat sich verbessert. Sie hat herausgefunden, dass sie durchs Hören besser lernt als durchs Lesen. Seitdem nutzt sie in Absprache mit der Lehrerin im Englisch-unterricht Hör-Texte. „Vorher habe ich gedacht: Ich kann das nicht und habe das gar nicht probiert“, sagt sie.

Rocco Wagner unterstützt die Camp-Teilnehmer daher auch, indem er sie stärker fordert. Dabei achtet er genau auf die Signale, die von den Schülern ausgehen. „Wenn ich merke, dass das Selbstbewusstsein gestiegen ist, nehme ich sie mehr dran.“ Zudem lobt der Sport-, Geschichts- und Sozialkundelehrer häufiger und fragt einmal im Monat die Noten aller Fächer ab. Wo haben sich die Schüler verbessert, wo müssen sie eine schlechte Note ausgleichen? Auch Jimmys Pythagoras-Referat erfüllte diesen Zweck. „Wenn er sitzenbleibt, wäre das für seine Persönlichkeitsentwicklung nicht gut“, ist sich Sylvia Zucker sicher.

Die Aufmerksamkeit hat deutlich zugenommen

Inzwischen fängt Jimmy an, Spaß am Erfolg und positiven Rückmeldungen zu haben. Als er nach dem Musikunterricht, bei dem er vorsingen musste, zurück in der Lernstation mit den blauen Sofas kommt, ist der „Mir-doch-egal“-Gesichtsausdruck einem zufriedenen Lächeln gewichen. „3 und 1 minus“, sagt er. Auch bei der spontanen Gesprächsrunde in der Klasse hört er aufmerksam zu, und als die Biologie- und Chemielehrerin der 8b in der Lernstation kommt und die jüngsten Noten ins Notenheft überträgt, kann er es sich nicht verkneifen, mit Dustin und Antonio zu ihrem Tisch zu gehen und sich nach der Abschlussnote zu erkundigen. 

Dabei schaut er in ein lächelndes Gesicht. Die Chancen, dass er die Versetzung schafft, stehen also gut. Möglicherweise bekommt er sogar zum ersten Mal seit der 5. Klasse ein Zeugnis ohne ein „Mangelhaft“. Bei Antonia und Dustin hat sich der Notendurchschnitt ebenfalls wie gewünscht verbessert. Dustin übersetzt in seiner Freizeit sogar englische Liedtexte und schreibt sie stellenweise um. Zum Camp-Abschluss hatte er einen Vortrag auf Englisch über ein von ihm umgebautes Modellauto gehalten. Die Fotos des 4er Golfs hat er auf seinem Smartphone gespeichert.  

Deshalb werden die drei nach den Sommerferien auch eine Info-Tour durch die neuen 8. Klassen machen und für das „Camp+“ werben. Sylvia Zucker und Rocco Wagner haben ihnen das vorgeschlagen. Auch das geschah nicht ohne pädagogische Hintergedanken. „Es ist toll, was die Drei geschafft haben und das sollen sie anderen Schülern auch zeigen können.“
 
Text: Beate Krol

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