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PISA 2025: Hinter den Zahlen stehen Kinder und Jugendliche

17.09.2026

Ein Beitrag von Anna Margarete Davis

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Die Ergebnisse der PISA-Studie sind alarmierend. Wenn wir die Bildungsergebnisse verbessern wollen, müssen wir Bildungs-, Familien-, Sozial- und Jugendpolitik stärker zusammendenken.

 

Wer sind die Jugendlichen hinter der PISA-Studie 2025?

 

Stellen wir uns einen der Jugendlichen vor, den die PISA-Studie 2025 in den Blick nimmt:

Luca wird 2009 in Brandenburg geboren, besucht zwei Jahre später eine Kita und kommt im Sommer 2015 in die Schule. Seine ersten Schuljahre verlaufen zunächst wie bei vielen anderen Kindern: neue Freundschaften, erste Erfolge und Misserfolge, Lesenlernen, Rechnenlernen, Schwimmenlernen und zweimal in der Woche Training im Sportverein.

Dann kommt Corona. Als er zehn Jahre alt ist, wird Schule plötzlich zum Distanzort. Unterricht findet am Bildschirm statt, Freundschaften müssen auf Abstand gehalten werden, Tagesstrukturen verändern sich. Mitten in der Pandemie 2021 dann der Übergang auf die weiterführende Schule nach der sechsten Klasse – eine Phase, die ohnehin mit neuen Anforderungen und Unsicherheiten verbunden ist.

Im Frühjahr 2025 ist Luca 15 Jahre alt und einer von rund 6.700 Jugendlichen in Deutschland, die an den Erhebungen für PISA 2025 teilnehmen.

 

Die Ergebnisse sind alarmierend

 

Wir wissen nicht, wie Luca abgeschnitten hat. Aber am Ende steht ein Gesamtergebnis: 464 Punkte in Mathematik. 465 im Lesen. 486 in den Naturwissenschaften. Das sind die Durchschnittswerte der PISA-Studie 2025 für Deutschland. Und es sind die niedrigsten Werte seit Beginn der PISA-Erhebungen.

Besonders besorgniserregend ist, dass ein erheblicher Anteil der Jugendlichen nicht einmal die grundlegenden Kompetenzanforderungen erreicht. Das bedeutet am Beispiel Deutsch: Sie können nicht sinnverstehend lesen, also die Inhalte von Texten erfassen, diese interpretieren und für neue Zusammenhänge nutzen. Dennoch wäre es zu einfach, daraus die Geschichte einer schlechteren Schülergeneration zu machen. Oder allein den Eltern, Schüler:innen, Schulen und Lehrkräften die Verantwortung dafür zuzuschieben.

Denn PISA erzählt noch eine andere Geschichte: Bildungserfolg entsteht nicht im luftleeren Raum.

 

Ein Befund, den wir seit 25 Jahren kennen

 

Eine der wichtigsten Botschaften der aktuellen Ergebnisse ist keine neue. Seit der ersten PISA-Studie im Jahr 2001 wissen wir, dass Bildungserfolg in Deutschland besonders eng mit der sozialen Herkunft zusammenhängt. Auch 25 Jahre später ist dieser Zusammenhang stark ausgeprägt. Das sollte uns nicht nur nachdenklich machen, es sollte uns wachrütteln.

Denn PISA 2025 zeigt erneut, wie groß die Unterschiede sind: In den Naturwissenschaften liegen zwischen dem Viertel der sozioökonomisch privilegierten und dem Viertel der benachteiligten Jugendlichen in Deutschland 125 Punkte! Der Abstand ist damit deutlich größer als im OECD-Durchschnitt von 85 Punkten. Zugleich hat sich diese Leistungslücke in Deutschland zwischen 2015 und 2025 weiter vergrößert, während sie im OECD-Durchschnitt kleiner wurde. Der sozioökonomische Status erklärt in Deutschland 19 Prozent der Leistungsunterschiede in den Naturwissenschaften – gegenüber 12 Prozent im OECD-Durchschnitt.

 

Wie oft müssen wir diesen Zusammenhang eigentlich noch feststellen?

 

Ja, 25 Jahre PISA bedeuten nicht 25 Jahre Stillstand. Es ist viel passiert: Die frühkindliche Bildung wurde ausgebaut, der Ganztag ist inzwischen vielerorts selbstverständlich, Sprachförderung und individuelle Förderung wurden weiterentwickelt. Mit dem Startchancen-Programm gibt es zudem erstmals ein langfristig angelegtes Programm, das gezielt Schulen mit besonders hohen sozialen Herausforderungen unterstützt.

Aber vielleicht liegt genau darin eine der großen Herausforderungen unserer Zeit? Die gesellschaftlichen Veränderungen und die Herausforderungen für Kinder, Familien und Bildungsorte sind schneller und größer geworden, als sich das System anpassen konnte.

Die Pandemie und ihre Folgen, soziale Ungleichheit, Fachkräftemangel, Flucht und Migration, steigende Lebenshaltungskosten, veränderte Medienwelten und zunehmende psychische Belastungen treffen auf ein Bildungssystem, das unter anderen Voraussetzungen geschaffen wurde und unter erheblichem Veränderungsdruck steht.

Wenn wir die PISA-Ergebnisse verbessern und Bildung gerechter machen wollen, müssen wir deshalb weiterdenken als bis zum Kindergarten- oder Schultor.

 

Wer Bildungsgerechtigkeit will, muss Kinderarmut bekämpfen

 

Ein junger Mensch, der mit materiellen Sorgen aufwächst – also jedes siebte Kind in Deutschland, Tendenz steigend –, dessen Familie wenig finanzielle Spielräume hat, dessen Eltern einen Hauptschulabschluss haben und getrennt leben, dem ein ruhiger Lernort fehlt oder dessen Zugang zu Sport, Kultur und sozialer Teilhabe vom Einkommen der Eltern abhängt, startet nicht unter denselben Bedingungen wie ein Kind aus einem materiell abgesicherten Akademikerhaushalt.

Frühe Bildung und Schule können Unterschiede abmildern. Sie können aber nicht allein kompensieren, was an anderen Stellen der Gesellschaft nicht gelingt.

Wer mehr Bildungsgerechtigkeit will, muss Armut bekämpfen und nicht nur Kinder, sondern auch ihre Familien wirksam unterstützen. Und wer Bildungsarmut reduzieren will, muss Bildungs-, Familien-, Sozial- und Jugendpolitik stärker zusammendenken.

Das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) könnte hier ein zentraler Hebel sein: Unterstützung für Lernförderung, kostenloses Mittagessen, Ausflüge oder soziale und kulturelle Teilhabe sind darüber für benachteiligte Familien gesichert. Aber die Unterstützung ist bei vielen Familien nicht bekannt bzw. sind die Zugänge nicht niedrigschwellig gestaltet.

„Wer mehr Bildungsgerechtigkeit will, muss Armut bekämpfen und nicht nur Kinder, sondern auch ihre Familien wirksam unterstützen. Und wer Bildungsarmut reduzieren will, muss Bildungs-, Familien-, Sozial- und Jugendpolitik stärker zusammendenken.”

Anna Margarete Davis

Expertin für Schule & Ganztag, DKJS

Allein der Anspruch auf Unterstützung schafft noch keine Teilhabe

 

Leistungen müssen einfach zugänglich sein, Familien müssen wissen, was ihnen zusteht, und Schulen, Jugendhilfe und andere Akteur:innen müssen dafür sorgen, dass Angebote bekannt sind und tatsächlich genutzt werden.

 

Auch der Ganztag ist ein Teil der Antwort

 

Deutschland hat in den vergangenen Jahren viel in den Ausbau ganztägiger Bildung und Betreuung investiert. Der Ganztag kann ein zentraler Qualitätsraum für Bildung, Teilhabe und Wohlbefinden sein. Er kann Zeit und Räume schaffen, um Lernlücken aufzugreifen und Basiskompetenzen zu stärken. Er kann individuelle Förderung mit Sprachbildung, Bewegung, Kultur, sozialem Lernen und außerschulischen Bildungsangeboten verbinden. Und er kann Möglichkeiten eröffnen, Interessen zu entdecken und eigene Stärken zu entwickeln.

Das „Kann“ an dieser Stelle macht deutlich, dass es letztlich auf die konkrete Ausgestaltung und die Qualität ankommt, damit aus dem Mehr an Zeit auch ein Mehr an Bildung wird.

Ein guter Ganztag verbindet deshalb Unterricht und außerunterrichtliche Bildung, Schule und Jugendhilfe, individuelle Förderung und soziale Teilhabe. Er schafft Beziehungen und verlässliche Strukturen. Und er kann gerade dort einen Unterschied machen, wo Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer sozialen Lebensbedingungen weniger Unterstützungsmöglichkeiten außerhalb der Schule haben.

Aber der Ganztag sollte nicht zum Reparaturbetrieb für ein Bildungssystem werden, das Lernlücken erzeugt. Ganztag ist vielmehr die Chance, Bildung anders und gerechter zu gestalten.

„Ein guter Ganztag verbindet Unterricht und außerunterrichtliche Bildung, Schule und Jugendhilfe, individuelle Förderung und soziale Teilhabe. Er schafft Beziehungen und verlässliche Strukturen. Und er kann gerade dort einen Unterschied machen, wo Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer sozialen Lebensbedingungen weniger Unterstützungsmöglichkeiten außerhalb der Schule haben.”

Anna Margarete Davis

Expertin für Schule & Ganztag, DKJS

Und wie geht es den Jugendlichen dabei?

 

Die PISA-Studie 2025 hat die jungen Menschen nicht nur in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften getestet. Sie wurden auch dazu befragt, wie sie Schule erleben.

Und auch hier lohnt sich ein genauerer Blick. Rund ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland stimmt der Aussage zu, Schule sei eine Zeitverschwendung. Das sind mehr als im OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig zeigt PISA einen Zusammenhang zwischen Wohlbefinden, Wertschätzung von Schule und Leistung. Jugendliche, die Schule stärker wertschätzen und sie nicht als Zeitverschwendung erleben, erreichen im Durchschnitt höhere Leistungen.

Das bedeutet nicht, dass Wohlbefinden automatisch gute Leistungen erzeugt. Aber es bedeutet sehr wohl, dass Lernen Bedingungen braucht, unter denen junge Menschen lernen wollen und können. Beziehungen gehören dazu. Zugehörigkeit gehört dazu. Das Gefühl, gesehen zu werden, gehört dazu. Ebenso die Erfahrung, beteiligt zu werden, etwas bewirken zu können, ernst genommen zu werden und eigene Fortschritte wahrzunehmen. Das Wohlbefinden ist deshalb kein Zusatzprogramm neben dem „eigentlichen“ Bildungsauftrag.

 

Wohlbefinden und Leistung sind keine Gegensätze

 

Wenn Jugendliche Schule als sinnlos, langweilig oder als Ort erleben, an dem sie nicht gesehen werden, sollten wir das nicht als individuelles Motivationsproblem abtun. Wir sollten fragen, was Schule, Unterricht und Ganztag brauchen, damit junge Menschen sich als wirksam und zugehörig erleben können.

Auch hier zeigen die PISA-Daten Ansatzpunkte: Nur etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen gibt an, dass sich Lehrkräfte in den meisten Unterrichtsstunden für den Lernfortschritt jedes einzelnen Schülers bzw. jeder einzelnen Schülerin interessieren oder etwas so lange erklären, bis es verstanden wurde.

Das ist kein Anlass für Schuldzuweisungen an Lehrkräfte. Im Gegenteil: Es zeigt, wie wichtig gute Rahmenbedingungen für pädagogische Arbeit sind.

„Wenn Jugendliche Schule als sinnlos, langweilig oder als Ort erleben, an dem sie nicht gesehen werden, sollten wir das nicht als individuelles Motivationsproblem abtun. Wir sollten fragen, was Schule, Unterricht und Ganztag brauchen, damit junge Menschen sich als wirksam und zugehörig erleben können.”

Anna Margarete Davis

Expertin für Schule & Ganztag, DKJS

Bildung braucht Priorität – auch in der Politik

 

Wenn wir die PISA-Ergebnisse ernst nehmen, müssen wir deshalb über mehr sprechen als über Diagnostik, Unterrichtsqualität oder das Erreichen von Standards.

Wir müssen über die Lebensbedingungen von Kindern sprechen. Über soziale Teilhabe. Über gute frühe Bildung. Über Schulen in herausfordernden Lagen. Über Fachkräfte. Über Ganztagsqualität. Über die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe. Und darüber, wie wir junge Menschen dabei unterstützen, sich in einer komplexer werdenden Welt zu orientieren und ihre eigenen Möglichkeiten zu entfalten.

Vieles davon ist bereits auf dem Weg. Das Startchancen-Programm ist ein wichtiges Beispiel dafür. Auch der weitere Ausbau ganztägiger Bildungsangebote und die Stärkung der frühkindlichen Bildung zeigen, dass die Herausforderungen erkannt wurden.

Aber politische Prioritäten zeigen sich nicht nur in Programmen. Sie zeigen sich auch in Haushaltsentscheidungen. Die aktuellen Haushaltsberatungen machen deshalb nachdenklich. Für 2027 sind in verschiedenen familien-, jugend- und bildungspolitischen Bereichen geringere Ansätze vorgesehen.

Es wäre zu einfach zu sagen: Bildungsprobleme lassen sich mit mehr Geld lösen. Das stimmt nicht. Geld allein schafft keine guten Beziehungen, keinen guten Unterricht und keine gute Pädagogik.
Aber ebenso gilt, dass fehlende Ressourcen und damit Prioritätensetzungen verhindern, dass gute Konzepte, engagierte Fachkräfte und notwendige Unterstützung ihre Wirkung entfalten.

Wenn soziale Ungleichheiten wachsen, Schulen vor immer komplexeren Herausforderungen stehen und wir zugleich wissen, wie entscheidend gute Bildung für die Zukunft jedes einzelnen Kindes und für unsere Gesellschaft insgesamt ist, dann müssen wir uns fragen, ob unsere politischen Prioritäten dazu passen.

 

Bildung als Gesellschaft gestalten

 

Kehren wir noch einmal zu Luca zurück: Wir können sagen, dass er 464 Punkte in Mathematik erreicht hat. Wir können feststellen, dass seine Generation in den PISA-Tests schlechter abschneidet als frühere Jahrgänge.

Aber damit wissen wir noch nicht, was dieser junge Mensch kann. Und wir wissen nicht, ob er zu Hause einen ruhigen Ort zum Lernen hatte. Ob seine Familie ihn unterstützen konnte. Ob er Zugang zu Lernförderung, Sport, Musik oder Kultur hatte. Ob er psychisch belastet ist. Ob eine Lehrkraft an ihn geglaubt hat, als etwas nicht funktionierte. Ob er in seiner Schule Freundschaften geschlossen, Zugehörigkeit erfahren und entdeckt hat, was ihn interessiert und was er gut kann.

PISA misst Kompetenzen. Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche diese Kompetenzen entwickeln können, müssen wir als Gesellschaft gestalten.

„Die Lösung liegt nicht in einzelnen Reformen und auch nicht im Mehr vom Selben. Sie liegt in einem Zusammenspiel aus guten Lebensbedingungen, verlässlicher sozialer Unterstützung, starken Kitas und Schulen, einem qualitativ guten Ganztag, individueller Förderung, tragfähigen Beziehungen und Räumen, in denen junge Menschen sich zugehörig und wirksam fühlen.”

Anna Margarete Davis

Expertin für Schule & Ganztag, DKJS

Die Lösung liegt nicht in einzelnen Reformen und auch nicht im Mehr vom Selben. Sie liegt in einem Zusammenspiel aus guten Lebensbedingungen, verlässlicher sozialer Unterstützung, starken Kitas und Schulen, einem qualitativ guten Ganztag, individueller Förderung, tragfähigen Beziehungen und Räumen, in denen junge Menschen sich zugehörig und wirksam fühlen.

Wir wissen seit 25 Jahren, dass soziale Herkunft Bildungschancen prägt. Jetzt kommt es darauf an, dass wir aus diesem Wissen konsequenter handeln. Denn hinter jeder PISA-Zahl stehen viele junge Menschen. Und ihre Zukunft darf nicht davon abhängen, in welchen Familien sie geboren wurden.

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