Collage aus Bildern von Halle an der Saale und Jugendhilfeplanerin

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Jugendhilfeplanung passiert oft im Hintergrund – und hat trotzdem großen Einfluss darauf, wie gut Unterstützung für Kinder, Jugendliche und Familien vor Ort funktioniert. Stefanie Goy arbeitet als Jugendhilfeplanerin in Halle (Saale). Im Gespräch erzählt sie, warum gute Planung vor allem mit Beziehungen, Geduld und Timing zu tun hat – und weshalb kleine Schritte manchmal die größte Wirkung entfalten.

DKJS: Stefanie, wie kam die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Halle und Kommune 360° eigentlich zustande?

Stefanie Goy: Ich habe 2019 als Jugendhilfeplanerin in Halle angefangen – ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als Kommune 360° gestartet ist. Der Kontakt kam über die Referentin der Beigeordneten und die Auridis Stiftung zustande. Für uns passte das perfekt, weil wir die Jugendhilfeplanung stärker vernetzt aufstellen wollten: Verwaltung, freie Träger und Politik sollten enger zusammenarbeiten. Diesen Prozess konnten wir gemeinsam gestalten.

DKJS: Was hat das Angebot von K360 für dich besonders attraktiv gemacht?

Stefanie Goy: Vor allem der Austausch. In der Jugendhilfeplanung arbeitet man oft ziemlich allein. Durch K360 hatte ich plötzlich ein Netzwerk aus anderen Kommunen, die ähnliche Fragen bewegen. Das war fachlich unglaublich wertvoll – und persönlich auch entlastend.

DKJS: Wie lief die Zusammenarbeit konkret ab? Wie oft habt ihr euch zum Beispiel getroffen?

Stefanie Goy: Anfangs gab es Treffen vor Ort in Halle, später digital. Etwa alle sechs bis acht Wochen haben wir uns ausgetauscht. Dazu kamen die Treffen im Fellow-Programm mit Kommunen aus ganz Deutschland. Das war intensiv, professionell organisiert und vor allem sehr vertrauensvoll.

DKJS: Hat sich durch den Prozess auch konkret etwas verändert?

Stefanie Goy: Ja, auf jeden Fall. Die Jugendhilfelandschaft in Halle war damals von vielen einzelnen Gremien geprägt. Gemeinsam haben wir daran gearbeitet, die Zusammenarbeit klarer und verbindlicher zu strukturieren. Besonders sichtbar wird das heute bei den AG-§78-Formaten: Die laufen inzwischen so gut, dass die Gruppen immer größer werden – wir haben teilweise schon Platzprobleme.

Arbeitsgemeinschaften nach §78 SGB VIII sind feste Austausch- und Arbeitszusammenhänge innerhalb der kommunalen Jugendhilfe. Sie bieten einen strukturierten Rahmen, in dem Verwaltung und freie Träger regelmäßig zusammenkommen, um gemeinsame Fragen der Jugendhilfepraxis, Planung und Weiterentwicklung zu bearbeiten. Die Ausgestaltung obliegt jeder Kommune selbst.

Im Mittelpunkt steht nicht der einzelne Fall, sondern der Blick auf Strukturen, Bedarfe und Angebotsentwicklungen im jeweiligen Themenfeld oder Sozialraum. Die Beteiligten bringen ihre unterschiedlichen Perspektiven ein, stimmen sich ab und entwickeln gemeinsam Lösungsansätze.

Gut organisierte AG78 Formate schaffen Verbindlichkeit, fördern Vertrauen zwischen den Akteur:innen und machen Zusammenarbeit planbar. Damit sind sie ein zentrales Instrument, um Jugendhilfe abgestimmt, kooperativ und langfristig wirksam zu gestalten.

Besonders eindrücklich war für mich auch das K360-Planspiel. Dabei schlüpfen die Teilnehmenden bewusst in andere Rollen – etwa aus Politik, Verwaltung oder Trägerschaft – und erleben Perspektivwechsel ganz praktisch. In den Auswertungen sind dadurch sehr offene Gespräche entstanden. Eine Person meinte danach, sie sitze seit Jahren im Ausschuss und habe trotzdem das Gefühl, eigentlich viel zu wenig über Jugendhilfe zu wissen. Solche Momente bleiben hängen.

„Der interkommunale Austausch ist sehr wertvoll, weil man in der eigenen Verwaltung oft relativ allein auf dieser Ebene arbeitet.“

DKJS: Welche Rolle spielen die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen in deiner Arbeit?

Stefanie Goy: Vieles läuft über die freien Träger, die nah an den jungen Menschen dran sind. Außerdem arbeiten wir mit Jugendstudien und inzwischen auch mit Jugenddialogen in Halle. Dabei haben wir gelernt: Jugendliche wollen beteiligt werden – aber ihre Themen liegen oft eher bei Freizeit, Kultur oder Sport und weniger in klassischen Gremienformaten. Das verändert natürlich auch unseren Blick auf Beteiligung.

„Jugendliche wollen beteiligt werden, aber ihre Themen liegen oft woanders als in klassischen Jugendhilfegremien.“

DKJS: Welche Themen beschäftigen Jugendliche in Halle (Saale) aktuell besonders?

Stefanie Goy: Psychische Belastungen spielen eine große Rolle – genauso wie die Folgen der Corona-Zeit. Dazu kommen Digitalisierung, Jugendkriminalität und fehlende Angebote für Jugendliche ab 14 Jahren, besonders abends oder am Wochenende.

 

DKJS: Was braucht gute Jugendhilfeplanung, um Wirkung zu entfalten?

Stefanie Goy: Einen langen Atem. Veränderung passiert selten schnell. Man braucht kleine Ziele, Verbündete und die Fähigkeit, auch in Konflikten wertschätzend zu bleiben. Eine Kollegin hat mich deshalb einmal die „Königin der kleinen Schritte“ genannt. Das passt eigentlich ganz gut.

Außerdem braucht es Flexibilität. Nicht jede gute Idee lässt sich sofort umsetzen. Manchmal muss man abwarten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Verwaltung wirkt oft starr – gleichzeitig können sich Dinge plötzlich sehr schnell bewegen, etwa durch politische Entscheidungen oder neue Fördermöglichkeiten. Dann hilft es enorm, wenn Konzepte und Ideen schon vorbereitet sind.

„Jugendhilfeplanung ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein Prozess, der nie fertig ist.“

DKJS: Du hast im K360-Kommunen-Podcast davon gesprochen, dass Flexibilität für eine gute Jugendhilfeplanung eine große Rolle spielt – gleichzeitig aber in Verwaltungsstrukturen nicht immer leicht umzusetzen ist. Wie gehst du mit diesem Spannungsfeld um?

Stefanie Goy: Flexibilität bedeutet für mich vor allem, den richtigen Moment abzuwarten. Nicht jede fachlich sinnvolle Idee lässt sich sofort umsetzen. Dann ist es wichtig, sie nicht zu erzwingen, sondern im Blick zu behalten oder bewusst zurückzustellen. Gleichzeitig müssen wir auf plötzliche dynamische Veränderungen, etwa durch politische oder personelle Entwicklungen, vorbereitet sein. Dann müssen wir Ziele schnell in konkrete Maßnahmen überführen. Das ist wichtig, weil kommunale Arbeit eng mit den Bedürfnissen der Menschen vor Ort verknüpft ist.

„Verwaltung ist hochemotional – wir arbeiten mit Menschen, auch wenn das oft vergessen wird.“

DKJS: Arbeit in der Kommune ist eben Arbeit mit Menschen.

Stefanie Goy: Ja, absolut. Diese Arbeit ist hoch emotional, auch wenn sie nach außen oft unsichtbar bleibt. Viele Menschen merken gar nicht, dass das, was Jugendhilfeplanung tut, ihr Leben konkret beeinflusst. Gerade in finanziell schwierigen Zeiten zeigt sich aber, wie engagiert die Akteur:innen sind und wie sehr sie sich für Kinder und Jugendliche einsetzen.

DKJS: Woran merken Kinder und Jugendliche, aber auch ihre Familien, konkret, dass es eine gute Jugendhilfeplanung gibt?

Stefanie Goy: Wenn Angebote dort sind, wo Familien sie brauchen. Wenn Jugendclubs zu Zeiten geöffnet haben, die für Jugendliche passen. Wenn Prävention in belasteten Stadtteilen ankommt. Oder wenn Beratungsangebote keine langen Wartezeiten haben. Jugendhilfeplanung wirkt meistens indirekt – aber genau dadurch prägt sie Strukturen langfristig.

DKJS: Wie wünschst du dir die Situation für Kinder und Jugendliche im Jahr 2030?

Stefanie Goy: Dass es ausreichend passende Angebote gibt – und dass junge Menschen davon wissen und sie nutzen können. Eigentlich ist das der Kern von allem.

„Kommune 360 Grad hat der Jugendhilfeplanung Sichtbarkeit verschafft und zur Professionalisierung des Berufsfeldes beigetragen.“