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Kinder aus benachteiligten Familien besuchen seltener eine Kita. Soweit so schlecht. Aber woran liegt das? Und ist die Einführung einer Kitapflicht die richtige Antwort? Darüber sprechen wir im Interview mit DKJS-Expertin Judith Strohm.
Zum Projekt
Für eine Analyse der Zugangs- und Teilhabechancen von Kindern an Angeboten der frühen Bildung untersuchte Judith Strohm, welche Familien unter welchen Bedingungen einen Kita-Platz erhalten und in Anspruch nehmen – und welche nicht.
Dazu recherchierte sie aktuelle Studien und interviewte Verantwortliche aus der Kommunalverwaltung insbesondere in Nordrhein-Westfalen, z. B. Kitafachplaner:innen, Kitafachberatungen und Abteilungsleitungen aus Jugendämtern. Sie wollte wissen, wie gerecht die Vergabeverfahren für Kitaplätze sind, welche Hürden es beim Zugang zur Kita für welche Kinder gibt und wie notwendige Verbesserungen aussehen könnten.
Du hast dich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Thema „Zugänge zur frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE)“ auseinandergesetzt. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?
Unser Ausgangspunkt war die Tatsache, dass Kinder aus Familien mit bestimmten Merkmalen im Durchschnitt seltener eine Kita besuchen als andere. Wir wollten wissen, wie Kitaplätze vergeben werden und ob es Strukturen oder Prozesse gibt, die zu einer herkunftsbedingten Benachteiligung führen. Beim Blick in Kommunen, in denen die Nachfrage nach Kitaplätzen viel größer ist als das Angebot, spielt beispielsweise die Erwerbstätigkeit der Eltern bei der Vergabe eine entscheidende Rolle. Das bedeutet: Kinder, deren Eltern nicht arbeiten, gehen oft leer aus. Das ist ungerecht, denn der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gilt unabhängig vom Erwerbsstatus der Eltern.
„Kinder, deren Eltern nicht arbeiten, gehen oft leer aus.”
Judith Strohm
DKJS-Expertin
Gibt es weitere familiäre Merkmale, die einen Einfluss darauf haben, ob Kindern die Kitatür verschlossen bleibt?
Die gibt es. Wie eingangs gesagt, sind die Betreuungsquoten sehr unterschiedlich. Diese sind bundesweit vor allem bei Familien mit Migrationshintergrund, mit nicht-deutscher Familiensprache und von Armut betroffenen Eltern deutlich geringer. Noch schwieriger wird es, wenn mehrere dieser Merkmale zutreffen.
Aber anders als populistische Kurzschlüsse uns glauben machen wollen, geht es dabei nicht um einen fehlenden Willen bei bestimmten Elterngruppen, ihr Kind in eine Kita zu schicken. Der Bedarf oder der Wunsch, dass das eigene Kind eine Kita besucht, ist über alle sozialen Gruppen hinweg ähnlich groß. Egal, ob es eine alleinerziehende erwerbslose Mutter ist, eine Familie mit Fluchtgeschichte, die Doppelverdiener in Schichtarbeit oder die Akademikerfamilie.
Trotzdem entscheidet vielerorts die Herkunft über Zugangschancen, und es entsteht schon an einem sehr frühen Punkt im Leben von Kindern Bildungsungerechtigkeit. Also trotz 1.000 guter Gründe – keine Chance auf einen Kitaplatz, könnte man sagen.
Die Grafik ist angelehnt an die Darstellung in „Frühe Ungleichheiten – Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive“ und fußt auf den Daten der Kinderbetreuungsstudie (KiBS) 2018–2020 des DJI.
Bedeutet das, dass in der Folge vor allem die Kinder seltener eine Kita besuchen, die besonders davon profitieren würden?
Ja, denn eine Kita sichert ja nicht nur die Betreuung. Sie ist ein wichtiger Bildungsort, an dem Kinder vielfältige Erfahrungen machen: Sie erleben dort Dinge, mit denen sie zuhause vielleicht keinen oder weniger Kontakt haben, wie Bücher, Instrumente, Bastel-, Spiel- und Lernsachen. Und natürlich begegnen sie anderen Kindern und Erwachsenen, die sie fördern, ermutigen und begleiten. Sie erleben sich in einer Gruppe, lernen ein soziales Miteinander und Gemeinschaft kennen. Sie üben die deutsche Sprache spielerisch und ohne Druck. Und es gibt die Möglichkeit, besondere Förder- und Unterstützungsangebote zu erhalten, die von Kultur- oder Bewegungsangeboten über Sprachförderung bis hin zu Beratungsangeboten für Eltern in Familienzentren reichen.
Umso wichtiger ist es, dass wir genau die Familien und Kinder erreichen und ihnen einen Zugang ermöglichen, die ihn am nötigsten brauchen und derzeit häufig außen vor bleiben. Und es geht auch nicht um irgendeinen Kitaplatz, sondern die positiven Effekte zeigen sich nur dann, wenn die Qualität stimmt und Kinder möglichst lange eine Kita besuchen – pro Tag und in Jahren.
Was sind die Gründe dafür, dass die Zugangs- und damit die Bildungschancen so ungleich verteilt sind?
Das hat vor allem etwas mit fehlenden Plätzen und Zugangshürden zu tun, ist also ein strukturelles und kein individuelles Problem. Deshalb braucht es auch strukturelle Antworten.
Ein Hauptgrund war und ist der Kitaplatzmangel. Er führt dazu, dass in Regionen mit langen Wartelisten eine Entscheidung getroffen werden muss, wer einen Kitaplatz erhält und wer nicht. Wenn es überhaupt übergreifende Vergabekriterien gibt, dann werden in vielen Fällen Aspekte wie die Erwerbstätigkeit der Eltern herangezogen. Und nicht überall ist die Teilnahme an einem Sprachkurs, einer Fördermaßnahme oder einer Fortbildung der Erwerbstätigkeit gleichgestellt. Das führt dazu, dass erwerbstätige Eltern beim Kitazugang einen Vor- und erwerblose Eltern Nachteile haben.
Hinzu kommt, dass viele Kommunen das Risiko höher einschätzen, von Eltern mit akademischem Hintergrund auf einen Kitaplatz verklagt zu werden als etwa von Familien, die von Armut betroffen sind. Durch die Erstattung von Verdienstausfällen würden den Kommunen hohe Kosten entstehen, die sie natürlich vermeiden möchten. Auch solche Abwägungen verstärken die Ungleichheit.
„Auch in Kommunen, in denen es keinen Mangel gibt, sind die Chancen auf einen Kitaplatz ungleich verteilt.”
Judith Strohm
DKJS-Expertin
Wird der Rückgang der Geburtenzahlen das Zugangsproblem lösen, weil dann ausreichend Kita-Plätze für alle Kinder zur Verfügung stehen?
Nein, einen solchen Automatismus sehe ich nicht. Denn auch in Kommunen, in denen es keinen Mangel gibt, sind die Chancen auf einen Kitaplatz ungleich verteilt. Der Grund dafür sind Zugangshürden, die für einige Familien höher sind als für andere. Etwa dann, wenn Informationen über das Kitasystem und die Anmeldeverfahren aufgrund von Sprachbarrieren nicht allen Eltern gleichermaßen zugänglich sind. Oder wenn bestimmte Elterngruppen über die herkömmlichen Wege oder durch bestehende Angebote einfach nicht erreicht werden.
Auch der Wohnort und die Mobilität spielen eine große Rolle. So kann es sein, dass in einer Stadt unterschiedliche Voraussetzungen herrschen, was das Angebot an Kitaplätzen angeht. In einem Stadtteil stehen die Familien auf langen Wartelisten und im benachbarten Stadtteil fehlen Kinder und man denkt über die Schließung von Einrichtungen nach. Eltern mit den entsprechenden Ressourcen schaffen es vielleicht, ihr Kind in eine Kita zu bringen, die weiter entfernt ist. Von Armut betroffene Familien, Familien mit Fluchterfahrung oder eine alleinerziehende Mutter aber unter Umständen nicht.
Die Gründe sind vielfältig. Finanzielle Aspekte spielen eine Rolle, aber auch psychische oder zeitliche.
Die aktuelle Entwicklung bei den Kitaplätzen ist sehr dynamisch und komplex. Das stellt viele Kommunen vor große Herausforderungen. Vor dem Hintergrund knapper Kassen sind beide Konstellationen – zu viele oder zu wenige Kinder – schwierig. Denn wenn die Kinder erst einmal fehlen, entsteht zunächst vor allem eins: politischer Druck, Gruppen oder Kitas möglichst schnell zu schließen. Einige Kommunen lassen zwar Kitaplätze frei, um flexibel auf neue Bedarfe reagieren zu können oder um auf diesem Wege den Betreuungsschlüssel zu verbessern. Aber das kostet am Ende Geld und erfordert auf allen Ebenen eine bewusste Entscheidung für Qualität und Teilhabe.
„Eine veränderte Kommunikation ist notwendig, um gezielt auch benachteiligte Familien für die frühe Bildung zu gewinnen.”
Judith Strohm
DKJS-Expertin
Welche Ansätze sind Dir begegnet, wie Kommunen die Zugangschancen für Kinder verbessern können?
Insgesamt beginnt in vielen Kommunen und auch Kitas gerade ein Umdenken. Bisher wurde ihnen „die Bude eingerannt“ und es gab lange Wartelisten. Nun erkennen sie, dass eine veränderte Kommunikation notwendig ist, um gezielt auch benachteiligte Familien für die frühe Bildung zu gewinnen. Dafür werden Informationen zur Bedeutung und über das System der frühen Bildung benötig, die benachteiligte Eltern auch erreichen. Es werden andere Wege bei der Ansprache von Eltern, beim Aufbau von Vertrauen in die Arbeit von Kitas oder bei der Unterstützung im Anmeldeprozess gebraucht. Und auch die Vergabekriterien, Fristen oder andere Regelungen müssen angepasst und flexibler gestaltet werden, etwa um Familien ganzjährig einen Kitaeinstieg zu ermöglichen.
Ganz konkret probieren Kommunen häufig neue digitale Formate wie z. B. Erklärvideos oder Podcasts über das Kitasystem vor Ort aus. Auch gehen die Mitarbeitenden zentraler Familienbüros verstärkt dorthin, wo Eltern sich aufhalten, und verankern ihre Angebote in den Stadtteilen. Oder sie organisieren Anmeldecafés und begleiten dort Eltern, sich über die Kitas zu informieren und ihr Kind auf der zentralen Kitaplattform einer Kommune anzumelden. Im direkten Gespräch können dann bereits Förderbedarfe der Kinder erfragt und direkt bei der Anmeldung vermerkt werden. Wenn man jedoch bedenkt, dass die Ausgangssituation sogar in benachbarten Orten sehr unterschiedlich sein kann, wird klar, dass Lösungen immer für die lokalen Gegebenheiten entwickelt oder erprobt werden müssen.
„Kitas werden häufig nur als Orte der Betreuung für Kinder berufstätiger Eltern gesehen, aber nicht als Bildungsorte. Dabei geht es um Teilhabe, Sprache, soziale Entwicklung und vieles mehr.”
Judith Strohm
DKJS-Expertin
Wie schauen die Menschen, mit denen du in den Verwaltungen gesprochen hast, auf das Thema Zugangs- und Teilhabegerechtigkeit in der frühen Bildung und welche Unterstützung benötigen sie?
Was fast alle brauchen oder sich wünschen, ist eine breite Lobby für frühe Bildung. Außerhalb der Fachbereiche werden Kitas häufig nur als Orte der Betreuung für Kinder berufstätiger Eltern gesehen, aber nicht als Bildungsorte. Dabei geht es um Teilhabe, Sprache, soziale Entwicklung und vieles mehr. Diese Perspektive fehlt im politischen Diskurs. Dabei muss genau das allen Kindern ermöglicht werden.
Kommunen, die das auf allen Ebenen erkannt haben, kümmern sich darum, neue Wege zu gehen, um den Abbau von Kitaplätzen zu verhindern. Hier fällt mir das Beispiel einer Kommune ein, in der sich das Jugendamt mit der Berufsberatung und Eingliederungshilfe zusammengetan hat. Denn nicht nur wenn Eltern arbeiten, sondern auch wenn sie an den Arbeitsmarkt herangeführt werden, stellt sich die Frage: Wer betreut in dieser Zeit das Kind? Deshalb begleiten diejenigen, die die Eltern auf ihrem Weg in die Arbeitswelt begleiten, sie auch zu Beratungsterminen rund um die Kita.
Abschließend die Frage: Braucht es eine Kitapflicht?
Ein klares Nein. Schon aufgrund der Tatsache, dass es gar nicht genug Kitaplätze gibt, ist diese Forderung absurd. Statistisch fehlen allein in NRW, wo wir die meisten Gespräche geführt haben, über 90.000 Plätze. Auch ist das Wort Kitapflicht schnell gesagt, aber was soll daraus folgen, wenn Eltern ihr Kind nicht anmelden? Kontrolle, Sanktionen, Repression? Das halte ich nicht für zielführend.
Und noch ein Punkt: Die Schulpflicht ist mit eng mit dem Anspruch auf eine Schülerbeförderung verbunden. Jedes Kind wird – ggfs. mit einer Sonderfahrt – in die Schule gebracht. Wer Kitapflicht sagt, müsste auch Ja zum Transport der Kitakinder sagen. Wie genau soll das für kleine Kinder organisiert und am Ende finanziert werden?
„Eltern brauchen keinen Zwang, sondern Vertrauen und bessere für sie zugänglichere Informationen.”
Judith Strohm
DKJS-Expertin
Noch einmal: Das Problem ist in den allermeisten Fällen nicht der fehlende Wille, sondern es sind die fehlenden Möglichkeiten. Eine Studie von Henning Hermes zusammen mit weiteren Forscherinnen und Forschern aus dem Jahr 2021 zeigte, dass sich die Anmeldequote von Kindern aus benachteiligten Familien um über 20 Prozent erhöhte, als diese Familien individuell beim Zugang zu Kita unterstützt wurden. Eltern brauchen keinen Zwang, sondern Vertrauen und bessere für sie zugänglichere Informationen.
Für viel sinnvoller als eine Kitapflicht halte ich deshalb eine Informations- und Werbeoffensive für die frühe Bildung, die den Anspruch hat, wirklich alle Eltern zu erreichen und ihnen einen Platz anzubieten, wenn sie ihr Kind zur Kita anmelden. Und es braucht weitere Investitionen in die Qualität, die wohnortnahe Verfügbarkeit und die Vielfalt des Kitaangebots. Wenn wir das bundesweit schaffen, wäre schon sehr viel in Sachen Zugangsgerechtigkeit erreicht.
Links und Downloads
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DKJS-Themenjournal zur frühen Bildung
Über Ungerechtigkeiten, Herausforderungen und die Potenziale frühkindlicher Bildung
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Zugangs- und Teilhabechancen in der Kindertagesbetreuung
Factsheet der DKJS
pdf 487,47 KB -
KiFaZ. Kitas werden zu Kinder- und Familienzentren
Die DKJS führt im Auftrag des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg Unterstützungsangebote für Kinder- und Familienzentren durch.
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Frühe Ungleichheiten. Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive
Eine Publikation der Friedrich-Ebert-Stiftung
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Policy Paper
Zugangs- und Teilhabechancen für Kinder in der frühkindlichen Bildung verbessern
pdf 427,96 KB
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