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„Es gibt bei vielen diese Vorstellung, dass man in der Kita nur spielt“

Reportage aus einer Kita, die nicht nur für die Kinder, sondern auch eng mit den Familien zusammenarbeitet

06.01.2026

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In der Kita StaakenBär lernen Kinder Selbstständigkeit und Gemeinschaft – und ihre Familien finden Unterstützung, Rat und Vertrauen. Die Kita ist Teil eines Bündnisses für frühe Förderung, das 2020 zu den Preisträgern des Deutschen Kita-Preises gehörte.

Fünf Jahre später: Ein Blick in Lernräume zwischen Hausschuhen, Frühstücksbuffet und Kita-Sozialarbeit.

 

Morgens um acht Uhr ist es besonders stressig. Eltern bringen ihre Kinder zur Tür herein. Ein Vater zusätzlich auch eine Menge Sand, den er mit einem Kehrblech in Schach zu halten versucht. Ein kleiner Junge möchte seine Mutter noch nicht ziehen lassen und hängt an ihren Beinen. Einige wuseln durch den Flur und werden von der Erzieherin ermahnt, hier nicht zu rennen. Ein kleines Mädchen winkt seiner Mutter durch die Scheibe, bevor es die Hausschuhe anzieht. Hier in der Kita StaakenBär hat jedes Kind einen Spind mit Namen und einem Foto der Familie. Manchmal sind auf diesen Bildern die Mutter und Geschwister zu sehen, manchmal große Familien. Auch die Namen der Kinder sind ganz unterschiedlich, von Arsen über Henri bis Goodness. Eine ihrer vielen Gemeinsamkeiten: Paw Patrol. Die Hunde mit wichtigen Berufen sind hier auf T-Shirts, Jacken und Schuhen.

Dieser Moment am Morgen ist der wichtigste für Andrea Wobker-Howen. Die 61-Jährige in Filzpantoffeln geht auf eine Frau mit Kopftuch zu und streckt ihr die Hand entgegen. Sie stellt sich vor und drückt der Mutter ein Geschenk in die Hand, das gleich von der kleinen Tochter ausgepackt wird – ein Stoffbeutel mit Informationen über den Start in der Kita in sechs verschiedenen Sprachen. Wobker-Howen ist Kita-Sozialarbeiterin und das Geschenk ihr erster Schritt, um Vertrauen aufzubauen. Denn Mutter und Kind sind noch neu in der Kita. Sollte die Mutter ein Problem haben, möchte die Sozialarbeiterin für sie da sein. Sie ist eine Ansprechperson für die Eltern bei allen Fragen oder Problemen: seien es Formulare vom Amt, Schuldenprobleme, Fragen zum Jobcenter, zu Kinderärzten oder Schulen. Wobker-Howen unterstützt dort, wo Hilfe dringend benötigt wird.

Raues Pflaster, herzlicher Umgang

 

Die Kita liegt in Staaken, einem Bezirk in Berlin-Spandau, der so groß ist wie eine mittlere Kleinstadt. Gerade der Bereich um die Heerstraße ist dicht besiedelt. Weil die Mieten hier günstiger sind als im Rest Berlins, ziehen viele einkommensschwache Familien her. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. In Staaken wächst fast jedes zweite Kind in einer Familie auf, die auf Sozialleistungen angewiesen ist. Zwei Drittel der Kinder unter 15 beziehen staatliche Unterstützung – ein Spitzenwert in Berlin. Einige der Kinder kommen ohne Deutschkenntnisse in die Kita. Andere machen Erfahrungen mit Gewalt oder Vernachlässigung. Kann eine Kita das auffangen? Und wenn ja, wie?

Trotz des Gewusels ist der Umgangston in der Kita herzlich, aber bestimmt. Die Kleinen werden hier zur Selbstständigkeit erzogen: Schuhe selbst ausziehen, Jacke anziehen und Zähne putzen. „Die Kinder lernen hier fürs Leben“, sagt Wobker-Howen. „Und im besten Fall nehmen sie das Gelernte auch mit nach Hause“. Nach dem Ankommen haben die Kinder die Möglichkeit, zusammen zu frühstücken. Dafür steht ein Buffet bereit mit Rührei, Gurken, Brot und kleinen Würstchen. Eine der Besonderheiten, die sich den Tag über durchziehen: Kein Kind muss, wenn es nicht will. „Die können auch erstmal spielen, wenn sie das wollen“, erklärt Erzieherin Kerstin. Kurz vor neun Uhr ist allerdings Schluss. Sie schlägt einen Gong. „Letzte Runde!“, wie man es sonst nur in einer Kneipe hört.

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Zum Bildungsnetz Heerstraße Nord in Berlin-Staaken gehört nicht nur die Kita StaakenBär. Zur Auszeichnung mit dem Kita-Preis 2020 entstand dieser Film in einer der fünf weiteren Kitas des Wohngebietes.
Sprachvielfalt ist ein Schatz, den die Kinder mitbringen

 

„Es gibt bei vielen diese Vorstellung, dass man in der Kita nur spielt“, sagt Wobker-Howen. Doch das stimme nicht. Eine Kita sei zwar keine Schule, aber doch ein Bildungsort. Vor den Zimmern hängen Listen mit Kompetenzen, die Kinder in dem jeweiligen Raum entwickeln können. Im Puppenraum zum Beispiel lernen Kinder Feinmotorik, räumliches Denken, Fantasie und soziale Regeln. Im Traumzelt können Kinder ihren Wortschatz erweitern, ihren Körper wahrnehmen und lernen, sich zu konzentrieren. Eltern wissen nicht immer, wie wichtig zum Beispiel Sprachförderung ist, sagt Wobker-Howen. „Manche Eltern erzählen mir: Mein Kind ist erst zwei, warum sollte ich mit dem reden?“ Das sei Unkenntnis, kein böser Wille.

Bis sich der Morgenkreis zusammengefunden hat, vergehen einige Minuten. Ein paar Jungen und Mädchen sitzen schon auf ihren Filzgleitern. Einem kleinen Mädchen im Tüllröckchen läuft noch die Nase. Doch dann geht es los, erster Punkt in jedem Morgenkreis: Singen. Und das tun die Kinder hier auf drei verschiedenen Sprachen, die sie sich vorher aussuchen konnten. Heute sind es Albanisch, Türkisch und Arabisch. In der Kita werden viele unterschiedliche Sprachen gesprochen. Die Kita vermittelt ihren Kindern, dass verschiedene Sprachen zu sprechen – und zu singen – kein Manko, sondern ein Wert ist. „Mehrsprachigkeit ist Vielfalt“, sagt Wobker-Howen. Auch einige der Erzieherinnen können mehr als nur Deutsch. Andere haben über die Zeit von den Kindern ein bisschen Arabisch oder Türkisch gelernt. Sprache sei der Dreh- und Angelpunkt in der Entwicklung von Kindern. Die Erzieherinnen würden die Kinder gerne noch gezielter beim Deutschlernen unterstützen. Das konnten sie bis vor kurzem auch noch durch das Förderprogramm „SprachKitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist.“ An sich sei der Ansatz gut gewesen, sagt Wobker-Howen. Es richtete sich speziell an Kitas mit hohem Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Herkunftssprache. Kein Gießkannenprinzip. Doch das Programm ist zum 31. Juli 2025 ausgelaufen. Ob und wann ein Nachfolger kommt, ist ungewiss.

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Bündnis Heerstraße-Nord: Frühe Bildung gemeinsam mit den Eltern.
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Was Kinder im Puppenraum lernen. Ein „Türschild“ in der der Kita StaakenBär

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Sozialarbeiterin Andrea Wobker-Howen geht aktiv auf die Familien der Kitas und der Nachbarschaft zu
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Die Bilder entstanden größtenteils in den Kitas des Bildungsnetzwerks Heerstraße Nord nach der Nominierung für den Deutschen Kitapreis 2020.

Ein kleines Mädchen rutscht unruhig auf ihrem Filzgleiter. Sie würde so gerne jetzt schon den Gong schlagen, aber noch ist es nicht so weit. Die Erzieherin nickt ihr endlich zu. “Gonnnnnnnnnnnnnng”. Alle lauschen dem Klang, bis er kaum noch wahrzunehmen ist. Dann kommt eine Achtsamkeitsübung. Heute massieren sich die Kinder selbst die Hand, jeden Finger einzeln. Danach dürfen die Kinder sich eine Gruppe aussuchen, mit der sie die nächste Stunde verbringen möchten, bis es Mittagessen gibt. Weil zwei Erzieherinnen krank sind, gibt es heute nur zwei Gruppen, entweder ins Traumzelt eine Geschichte anhören oder – der weniger attraktive Punkt – Aufräumen im Puppenspielzimmer. „Notprogramm“, sagt Kerstin. Die Kita hat zwei Gruppen für Kinder von drei bis sechs Jahren. Zusammen sind es etwa 70 Kinder. Während im Rest Berlins Kitas schließen müssen, weil nicht genug Kinder angemeldet werden, bleiben die Zahlen in Spandau stabil weit oben, sagt Kerstin. Das Personal sei immer zu knapp und noch dazu schwer zu finden. Auch hier Fachkräftemangel. Kaum jemand wolle im sogenannten Problembezirk arbeiten. Dabei bräuchte es gerade in Spandau gezielt Unterstützung.

Lotsen, vermitteln, mitnehmen

 

„Man muss es Familien so leicht wie möglich machen“, sagt Sozialarbeiterin Wobker-Howen. Eine „Stelle“ aufzusuchen, ein Amt oder ein Beratungsbüro, davor würden viele Eltern zurückschrecken. Deswegen sei es ihre Aufgabe, ein Angebot zu machen, das so niedrigschwellig wie möglich ist. Ihr Ansatz wird „aufsuchende Sozialarbeit“ genannt. Das heißt, sie trifft die Menschen da, wo diese ohnehin sind. Und sei es beim Spind in der Kita. Nachdem sie Vertrauen aufgebaut hat, wird sie zur Ansprechpartnerin für viele Probleme. „Oft ist das ein Lotsendienst“, sagt Wobker-Howen. Wenn Frauen mit Gewalterfahrung zu ihr kommen, verweist sie an das Frauenhaus und begleitet zum Termin, „damit die Scheu fällt“. Neben dieser direkten Beratung bietet Wobker-Howen eine Deutsch-Stunde an, keinen Kurs, kein „B1“, nur ein lockeres Treffen für Eltern zum Deutschüben, „alles andere würde die Leute nur verschrecken”. Außerdem lädt sie zum Sommerkurs „Schulentdecker“ ein, wo sie Kinder und Eltern auf den Übergang von der Kita zur Schule vorbereitet. Gerade wenn es um heiklere Themen wie Sucht oder Schulden geht, kann jemand wie die Sozialarbeiterin helfen. „Die Eltern müssen mich ständig sehen.“  Sie ist Teil der Kita und damit erreichbar, aber nicht direkt Teil des Teams. Wobker-Howen sagt: „Man muss die Eltern mitnehmen.“ Bei schwierigen Themen, die auch Kinder betreffen. Deswegen ist sie auch dafür da, zwischen Erzieherinnen und Eltern zu vermitteln. Sie wirbt dann um Verständnis für die Eltern, die es nicht besser wissen oder können.

Andrea Wobker-Hower ist seit 2016 im Rahmen des Modellprojekts „Kita-Sozialarbeit“ an mehreren Kitas im Kiez unterwegs. Ihre Arbeit wird durch das Quartiersmanagement koordiniert, das in Stadtteilen mit besonderen ökonomischen oder sozialen Herausforderungen eingerichtet ist. Eines der Handlungsfelder ist frühe Förderung und Elternarbeit – also auch die Unterstützung von Kitas und Familien durch Sozialarbeit. An sich eine gute Sache, weil gezielt gefördert wird, wo die Unterstützung gebraucht wird. Eben nicht nach dem Gießkannenprinzip. Aber: Die Finanzierung kommt aus Mitteln des Städtebauförderprogramms „Soziale Stadt“/„Sozialer Zusammenhalt“. Und diese Mittel sind zeitlich begrenzt. Eine dauerhafte Finanzierung unabhängig von zeitlich begrenzten Projektmitteln wäre gerade für die Sozialarbeit an der Kita wichtig.

Ernst nehmen, was die Kinder erzählen

 

Zum Mittagessen gibt es heute Kartoffelsalat mit Würstchen, ein Notfallplan, weil das normale Catering wegen einer Sperrung in Spandau nicht durchkam. Bei den Kindern kommt das gut an. Jetzt dürfen sie raus zum Spielen. Einige der Größeren rennen los. Erzieherin Mandy macht sich stark dafür, dass auch die Kleineren ihre Fahrzeuge bekommen. „Die letzten Tage mit gutem Wetter müssen wir ausnutzen“, sagt Mandy. Sie arbeitet seit zehn Jahren in der Kita. Gerne, auch wenn die Arbeit herausfordernd sei. „Aber hier ist einem nicht langweilig“, sagt sie. Vorher hat sie in der Verwaltung gearbeitet. Was ist aus ihrer Sicht das Wichtigste bei der Arbeit mit Kindern, die in herausfordernden Lagen aufwachsen? „Wirklich ernst nehmen, was die Kinder einem sagen, damit sie sich verstanden fühlen.“ Denn das komme zuhause manchmal zu kurz. Eine Mutter betritt den Hof, um ihren Sohn abzuholen, der seinem Blick zufolge wohl gern noch eine Weile auf dem Tretroller geblieben wäre. Sie hat drei Kinder, eins ist noch zu klein für die Krippe. Aber die beiden Geschwister waren beide hier. „Ich fühle mich hier gut aufgehoben“, sagt sie. Mit ihrem ersten Kind war sie zuerst in einer anderen Kita, da habe es ihr aber nicht so gut gefallen, weil die Förderung nicht so gut gewesen sei. Wenn sie sich für diese Kita noch etwas wünschen könnte, wäre das noch mehr Unterstützung beim Deutschlernen. Damit räumt sie mit einem Vorurteil auf. Die meisten Eltern sorgen sich um die Förderung ihrer Kinder. Egal, wo sie wohnen.