
© DKJS/Tine Jurtz
Junge Menschen in Deutschland wachsen unter zunehmend herausfordernden Bedingungen auf. Das zeigt die neue Metaanalyse „Beteiligung als soziale Frage“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), die aktuelle Studien zu Lebenslagen, Teilhabechancen und Beteiligungsmöglichkeiten zusammenführt.
Ein zentrales Ergebnis: Kinder und Jugendlichen fehlt es nicht an Interesse an gesellschaftlichen Themen – wohl aber an Möglichkeiten, sich wirksam einzubringen. Beteiligung ist ungleich verteilt und eng mit sozialen Voraussetzungen verknüpft.
Beteiligung beginnt im Alltag
Beteiligung beginnt nicht erst an der Wahlurne. Bereits im Alltag machen junge Menschen Erfahrungen mit Anerkennung, Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit – oder mit Ausgrenzung, Ohnmacht und fehlenden Einflussmöglichkeiten. Diese Erfahrungen prägen, ob sie Vertrauen in demokratische Prozesse entwickeln und sich als wirksamer Teil der Gesellschaft erleben.
Obwohl sich viele junge Menschen sich für gesellschaftliche Themen interessieren, Entwicklungen verfolgen und sich einbringen möchten, erleben sie ihre Einflussmöglichkeiten häufig als begrenzt oder folgenlos. Zwischen dem Wunsch nach Mitgestaltung und den tatsächlichen Möglichkeiten besteht eine deutliche Lücke.
Aus sozialer wird politische Ungleichheit
Die Analyse macht deutlich, dass Beteiligungsmöglichkeiten in Deutschland stark von den Lebensbedingungen abhängen. Soziale Herkunft, finanzielle Ressourcen, Bildungswege und der Wohnort beeinflussen maßgeblich, welche Chancen junge Menschen haben, ihre Interessen einzubringen und gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten.
Familie, Schule und Sozialraum prägen Teilhabe
Familie ist der erste Ort, an dem junge Menschen gesellschaftliche Teilhabe erleben. Hier erleben sie Schutz, Verlässlichkeit und Anerkennung – oder Belastung und Unsicherheit. Bildungs- und Teilhabechancen sind dabei weiterhin eng mit den Ressourcen von Familien verbunden.
Auch Schule spielt eine zentrale Rolle. Sie kann soziale Ungleichheiten ausgleichen, indem sie Förderung, Unterstützung und Mitbestimmung ermöglicht. Gleichzeitig stehen viele Schulen unter Druck: Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall und fehlende Unterstützungssysteme erschweren es, allen jungen Menschen gleiche Chancen zu bieten.
Hinzu kommt der Sozialraum, in dem junge Menschen aufwachsen. Mobilität, erreichbare Treffpunkte, Jugendangebote oder Beteiligungsmöglichkeiten vor Ort entscheiden mit darüber, ob junge Menschen ihre Interessen einbringen und Selbstwirksamkeit erfahren können.
Austausch und Einordnung im Dialog
Am 10. Juni 2026 hat die DKJS die Ergebnisse der Analyse im Rahmen eines Live-Podcasts mit Gäst:innen aus Praxis, Politik und Zivilgesellschaft in Dresden diskutiert. Im Zentrum standen die Fragen, wie Beteiligung wirksam gestaltet werden kann und welche strukturellen Voraussetzungen dafür nötig sind.
„Viele junge Menschen erleben derzeit eine große Ohnmacht: Es passiert unglaublich viel gleichzeitig, der Druck steigt – und wir sollen trotzdem funktionieren. Das spüre ich selbst auch. Ich studiere, arbeite nebenbei, und der Alltag ist oft stressig. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass unsere Stimmen auf höherer politischer Ebene kaum wahrgenommen werden. Dabei zeigen viele Beispiele vor Ort, wie gut echte Beteiligung funktionieren kann“, sagt Nathalie Neumann, eine junge engagierte Frau aus Zittau.
„Kinder und Jugendliche bekommen häufig zu wenig Aufmerksamkeit. Oft fehlt es der Politik noch an Empathie für die Lebensrealitäten junger Menschen. Wenn wir sie ernst nehmen wollen, müssen wir viel stärker zuhören und uns wirklich damit beschäftigen, wie ungleich ihre Voraussetzungen sind. Die Erkenntnisse der Metaanalyse und das heutige Gespräch sind ein wertvoller Einblick“, sagt Sophie Koch, MdL und Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, die ebenfalls auf dem Podium saß.
Der Mitschnitt des Podcasts erscheint in Kürze online.
Beteiligung stärken – Demokratie stärken
Die Analyse kommt zu dem klaren Schluss: Beteiligung ist keine freiwillige Zusatzaufgabe, sondern eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass junge Menschen sich einbringen können und eine lebendige Demokratie erleben. Entscheidend ist, dass sie erleben, dass ihre Stimme zählt und ihre Perspektiven berücksichtigt werden.
Um Beteiligung für alle jungen Menschen zugänglich zu machen, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen im Alltag – und Strukturen, die echte Mitgestaltung ermöglichen.
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